PKV fordert Evaluation, pDL bleiben Nische, Finanzierung muss neu werden.
Der PKV-Verband stellt sich im Grundsatz hinter die Idee, Apotheken als niedrigschwellige Anlaufstelle zu stärken, und er nennt Impfungen sowie die einmalige Anschlussversorgung bei Dauermedikation im Einzelfall als Felder, in denen Nutzen und öffentlicher Auftrag zusammenpassen. Das ist der freundliche Teil der Stellungnahme. Er bleibt aber nicht stehen. Im Alltag bedeutet dies, dass Unterstützung nicht automatisch Zustimmung zu jedem neuen Leistungskatalog bedeutet.
Beim Ausbau der pharmazeutischen Dienstleistungen zieht der Verband eine harte Linie: Eine Evaluation hätte vor der Ausweitung stehen müssen, weil Leistungen ohne nachgewiesenen Nutzen nicht gesetzlich verankert werden sollen. Er begründet das nicht mit einem Bauchgefühl, sondern mit einem Befund aus der Praxis der Finanzierung: Mittel, die im Nacht- und Notdienstfonds liegen, seien seit dem VOASG nicht in der Breite abgerufen worden. Ein Nischenprodukt. Still. Für die Versorgung zählt am Ende nicht die Überschrift, sondern die Wirkung, und genau dort sieht der PKV-Verband die Lücke.
Die Mechanik seiner Kritik ist klar und technisch: Der Entwurf sieht neue, gesetzlich definierte pDL vor, obwohl für die bestehenden Leistungen aus PKV-Sicht weder Bedarf noch Nutzen in der Versorgung belegt sei. Gleichzeitig soll die Apotheke stärker in Prävention und Früherkennung hineingehen, etwa mit Beratungen zu verhaltensbezogenen Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel, Fehlernährung oder Stress, und mit Fokus auf Risikoerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Adipositas. Blutdruckmessung und BMI werden ausdrücklich als Elemente genannt. Das wirkt naheliegend. Es ist es nicht automatisch.
Der Verband bezweifelt den gesicherten Mehrwert gerade bei diesen Beratungsfeldern und setzt einen Kompetenzmarker: Apotheken seien auf Pharmakologie spezialisiert, nicht auf Ernährungs- oder Bewegungstherapie. Er macht daraus keine Kulturkritik, sondern eine Versorgungslogik. Ernährungsberatung könne im Einzelfall komplex sein, und eine Verlaufs- und Erfolgskontrolle lasse sich im Rahmen einer pDL finanziell kaum abbilden; wirksame Ernährungs- und Bewegungsberatung brauche langfristige Begleitung und Kooperation mit Ärztinnen und Ärzten, Trainerinnen und Trainern sowie Therapeutinnen und Therapeuten. Ein kurzer Termin am HV-Tisch kippt damit in eine Strukturfrage. Leise, aber verbindlich.
Operativ entsteht aus dieser Argumentation eine doppelte Folge. Erstens wächst das Risiko, dass Apotheken Aufgaben zugeschrieben bekommen, die in der Versorgungsrealität nur funktionieren, wenn der Prozess über Wochen trägt und Rückkopplungen möglich sind. Das passt schlecht zu einem Leistungskonstrukt, das als einzelne Dienstleistung definiert und abgerechnet wird. Zweitens fordert der PKV-Verband für Privatversicherte und Beihilfeberechtigte eine gesetzliche Flankierung zur Einzelabrechnung über die üblichen Wege, weil die Finanzierung über den Nacht- und Notdienstfonds aus seiner Sicht nicht bewährt sei. Versichertengeld, das nicht verbraucht wird, steht als Rückzahl- oder Rückführungsfrage im Raum. Nüchtern. Aber mit Sprengkraft.
Systemisch legt die Stellungnahme einen Konflikt frei, der über pDL hinausgeht: Zweckbindungen werden politisch leicht, sobald Druck entsteht, und genau dann wird aus einem Fonds ein Verschiebebahnhof. Für die Apotheke bedeutet dies, dass Planungssicherheit nicht nur am Honorar hängt, sondern am Vertrauen in die Architektur der Töpfe. Der PKV-Verband stellt zudem eine Grundsatzfrage nach dem Belegstandard: Welche Leistungen gelten als „Mehrwert“, wer misst ihn, und ab welchem Evidenzniveau wird aus einer gut gemeinten Präventionsidee eine Pflichtleistung?
In der zweiten Schleife wird seine Position noch schärfer, ohne lauter zu werden: Der Verband trennt zwischen Kompetenzfeldern mit klarer Public-Health-Begründung, etwa bei Schutzimpfungen, und Feldern, in denen Outcomes unsicher bleiben, etwa bei Kurzinterventionen zur Tabakprävention oder breit angelegter Lifestyle-Beratung. Daraus folgt der Satz „Evaluation zuerst“ nicht als Bremse, sondern als Filter. Das nützt am Ende auch der Apotheke, weil es die Heilberuf-Rolle nicht über Umfang definiert, sondern über belegte Wirkung.
Offen bleibt der politische Knotenpunkt: Die Stärkung der Apotheke soll schneller sichtbar werden, die Evidenz soll vorher stehen, und die Finanzierungslogik für PKV und Beihilfe muss gleichzeitig rechtssicher werden. Drei Ziele, die nicht automatisch zusammenlaufen.