dm und Rossmann greifen OTC ab, Apotheken verlieren Frequenz, Lieferfähigkeit wird zum Gegenangriff.
Wenn zwei Drogerieriesen gleichzeitig in den OTC-Versand drängen, wirkt das auf dem Papier wie ein Angriff auf die großen Versender. In der Realität trifft es zuerst die Orte, an denen Frequenz noch Arbeit erzeugt: die Offizin. dm bringt nicht nur Preisaggressivität mit, sondern eine Marke, die im Alltag längst als Vertrauensabkürzung funktioniert, und einen digitalen Zugriff, den viele Apotheken in dieser Breite nicht besitzen. Wer 12,5 Millionen App-Nutzer erreicht, muss keine Laufkundschaft „abholen“, er kann sie steuern.
Der gefährliche Teil dieser Bewegung liegt nicht im einzelnen Schnäppchen, sondern in der Kopplung von Preis, Sichtbarkeit und Gewohnheit. OTC und Freiwahl tragen zwar nicht den größten Stückertrag, aber sie tragen den Zufluss: Sie ziehen Menschen in den Raum, in dem Beratung entsteht und in dem am Ende auch das Rezeptgeschäft mitläuft. Dieses alte Tauschprinzip – mit dem günstigen Artikel den Kontakt herstellen, mit der Versorgungstiefe den Ertrag sichern – verliert an Zugkraft, wenn der erste Kontakt zunehmend digital vorentschieden wird. Jenseits der Rx-Zwangszuführung wird damit ein Feld verschoben, das viele Betriebe bisher als „sicheren“ Frequenzboden betrachtet haben.
dm zielt dabei nicht auf beliebige Käufer, sondern auf eine Kernzielgruppe, die sich besonders gut über Crossmarketing aktivieren lässt. Eine mehrheitlich weibliche Kundschaft, die ohnehin regelmäßig drogerienahe Routinekäufe tätigt, ist prädestiniert für den Wechsel in ein integriertes „mitnehmbares“ Gesundheitsangebot. Das ist nicht nur Versand, das ist Bindung über Alltagsschnittstellen: App, Bonuswelt, Warenkorb, Erinnerung, Zustellung. In diesem Modell wird die Apotheke nicht frontal verdrängt, sie wird in die zweite Reihe sortiert, weil der Erstimpuls bereits woanders entsteht.
Rossmann verstärkt diesen Effekt, weil Konkurrenz im Drogeriemarkt nicht zu Schonung führt, sondern zu Nachschärfung. Wenn zwei Ketten ein Segment gleichzeitig testen, steigt der Druck, den Markteintritt sichtbar zu machen, Preise als Lockmittel zu nutzen und Reichweite in Bestellungen zu übersetzen. Für Apotheken entsteht dadurch ein doppelter Gegenwind: preislich, weil Vergleichbarkeit steigt, und kommunikativ, weil digitale Sichtbarkeit zur Voraussetzung wird. Wer im Netz nicht auffindbar ist, existiert für einen wachsenden Teil der Kundschaft nur noch als Notlösung.
Und doch steckt in der dm-Strategie ein Schwachpunkt, der nicht kosmetisch ist, sondern operativ: Lieferfähigkeit. Wenn die Verfügbarkeit im OTC-Segment bei nur 70,7 Prozent liegt, ist das kein kleiner Makel, sondern ein Bruch in der Versprechenskette. Der digitale Warenkorb verzeiht vieles, aber er verzeiht Unzuverlässigkeit schlecht, weil er keinen Raum für Ersatzlogik lässt. Genau hier liegt das Feld, in dem Vor-Ort-Apotheken nicht mit Plakaten, sondern mit Realität punkten können: hohe Warenverfügbarkeit, echte Alternativen, sofortige Lösung ohne zweite Bestellung und ohne unnütze Wege. Loyalität ist in solchen Momenten nicht romantisch, sondern praktisch.
Das Thema ist damit weniger „Drogerie gegen Apotheke“ als „Plattformlogik gegen Betriebslogik“. Plattformen leben von Standardfällen, von wiederholbaren Warenkörben, von geringer Reibung. Der Apothekenalltag lebt von Abweichungen: Unverträglichkeiten, Interaktionen, falsche Erwartungen, fehlende Packungsgrößen, Fragen, die nicht in ein Suchfeld passen. Solange OTC als reine Ware behandelt wird, gewinnen jene, die Skalierung und Preis beherrschen. Sobald OTC wieder als Anlass für Klärung und Auswahl verstanden wird, entsteht ein anderes Spielfeld. Dieses Spielfeld ist kleiner als die App-Welt, aber es ist dichter, weil es an Vertrauen hängt, das nicht nur behauptet, sondern erlebt wird.
Hier liegt auch der Grund, warum der reine Preisvergleich in der Praxis oft weniger „objektiv“ ist, als er wirkt. Kundschaft vergleicht nicht nur den Betrag, sondern die Gesamtzeit, die Unsicherheit, den Aufwand, den Ärger über Fehlbestellungen und den Moment, in dem etwas gebraucht wird. Eine gute digitale Oberfläche kann diese Faktoren verschieben, aber sie kann sie nicht vollständig ersetzen. Wer nachts hustet, wer am nächsten Morgen verreisen muss, wer ein Kind mit akutem Problem hat, denkt anders als der Wocheneinkäufer mit Lieferfenster. Die Drogerie kann diese Situationen bedienen, aber sie ist nicht auf sie gebaut. Sie ist auf Routine gebaut. Genau deshalb entscheidet sich die Verschiebung nicht in Extremszenen, sondern in den vielen kleinen Routinekäufen, die langsam den Kontakt verändern.
Für Apotheken entsteht daraus eine unbequeme Wahrheit: Das eigentlich Verteidigungswürdige ist nicht der einzelne OTC-Artikel, sondern der Kontaktkorridor, der über OTC entsteht. Wenn dieser Korridor schrumpft, schrumpft nicht nur Umsatz, sondern auch die Gelegenheit, Bindung aufzubauen, Bedarf zu erkennen und Versorgungstiefe sichtbar zu machen. Der Betrieb wird dann stärker auf Rezeptströme reduziert, und Rezeptströme sind politisch, technisch und ökonomisch stärker fremdgesteuert als jede Freiwahlfläche. In dem Moment kippt das Verhältnis von Eigensteuerung und Abhängigkeit.
Gleichzeitig ist die Lage nicht symmetrisch. Drogerien haben Reichweite, aber sie haben auch ein Problem, das Apotheken seit Jahren kennen: Sobald man Gesundheit als Geschäftsfeld betritt, wächst die Erwartung an Verlässlichkeit. Ein Parfum kann fehlen, eine Gesichtscreme kann später kommen. Bei Schmerz, Fieber, Sodbrennen oder einem akuten Hautproblem wird „später“ schnell als „nicht brauchbar“ erlebt. Genau deshalb ist Lieferfähigkeit kein Detail, sondern die erste Bewährungsprobe eines Gesundheitsversprechens. Wenn die Einkaufslogik zu „rustikal“ war und die Verhandlungen die Verfügbarkeit beschädigen, wird aus dem Preisvorteil eine Enttäuschung, die sich nicht durch Marketing überkleben lässt.
Das ist der Punkt, an dem der Wettbewerb eine neue Form bekommt. Es geht nicht mehr nur um Wer kann billiger, sondern um Wer kann verlässlich. In der öffentlichen Wahrnehmung werden diese Kategorien oft vermischt, im Alltag werden sie getrennt. Und wenn sich die Kundschaft an eine digitale Routine gewöhnt, wird jedes Scheitern dieser Routine sichtbar. Das Scheitern ist dann nicht einfach ein fehlendes Produkt, sondern ein Bruch in der Erwartung, dass alles per App „einfach“ sei. Genau diese Brüche erzeugen die wenigen Momente, in denen Menschen ihre Wege wieder ändern.
Am Ende bleibt die Frage offen, wie schnell diese Verschiebung tatsächlich läuft. Ein Teil der Kundschaft wird den Preis als Hauptargument nehmen, ein Teil wird die Bequemlichkeit höher gewichten, ein Teil wird bei Verfügbarkeit und Beratung bleiben. Aber die Richtung ist erkennbar: OTC wird zum Eintrittstor in eine Plattformwelt, in der Bindung technisch organisiert wird. Apotheken verlieren dort, wo sie nur als Abgabestelle wahrgenommen werden, und sie gewinnen dort, wo sie als Lösung wahrgenommen werden, wenn Standardlogik nicht reicht. Genau daran hängt die nächste Phase: nicht an der nächsten Rabattwelle, sondern an der Frage, ob der Betrieb in den Momenten der Reibung sichtbar bleibt – und ob er so funktioniert, dass Reibung nicht nur abgefangen, sondern in Vertrauen verwandelt wird.