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  • 24.02.2026 – Apotheken-Nachrichten von heute sind Steuerlogik bei PKV-Beiträgen, Ausbildungswege in Apotheken, Honorarstreit mit den Kassen.
    24.02.2026 – Apotheken-Nachrichten von heute sind Steuerlogik bei PKV-Beiträgen, Ausbildungswege in Apotheken, Honorarstreit mit den Kassen.
    APOTHEKE | Medienspiegel & Presse | Der Tag verbindet steuerliche Entlastungslogik in der PKV mit einer Ausbildungswende in einer Apotheke und einer verschärften Debatte Ã...

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ApoRisk® Nachrichten - APOTHEKE:


APOTHEKE | Medienspiegel & Presse |

Apotheken-Nachrichten von heute sind Steuerlogik bei PKV-Beiträgen, Ausbildungswege in Apotheken, Honorarstreit mit den Kassen.

 

Acht Meldungen zeigen, wie Geld, Ausbildung und Regulierung den Alltag verschieben, von Steuerdaten über Grenzpreise bis zu Sicherheitsfragen bei Arzneimitteln und Versorgung.

Stand: Dienstag, 24. Februar 2026, um 19:37 Uhr

Apotheken-News: Bericht von heute

Wer heute in die Details schaut, sieht keine Einzelfälle, sondern Reibungsflächen: Bei der PKV wird Steuerentlastung über klare Abgrenzungen zwischen Basis und Mehrleistung sowie über digitale Übermittlungswege organisiert, während in einer Apotheke in Hüfingen eine fast abgebrochene PKA-Ausbildung durch konsequente Praxisnähe, Nachqualifizierung und Teamkultur stabilisiert wird. Parallel eskaliert die Honorarfrage, weil die Kritik aus der Apothekerschaft nicht nur auf das Fixum zielt, sondern auf Glaubwürdigkeit, Verwaltungslogik und die Frage, ob Leistung im System belohnt oder geglättet wird. Der Blick über die Grenze zeigt, wie Drogeriewochen mit Cent-Preisen Erwartungen verschieben, während in Berlin die Klinikreform auf Mehrheitsfähigkeit und Länderabstimmung trifft. International setzt Novo Nordisk mit angekündigten US-Preissenkungen bei Semaglutid-Produkten einen neuen Referenzpunkt im Wettbewerb, und im Alltag der Arzneimitteltherapie rücken Wechselwirkungen wie Grapefruitsaft und Diazepam in den Fokus. Am empfindlichsten bleibt die Versorgung von Kindern und Jugendlichen, weil fehlende Studien Off-Label zur Regel machen und Sicherheit dadurch stärker an Einzelfallentscheidungen hängt.

 

PKV-Beiträge mindern die Steuerlast, Mehrleistungen fallen heraus, der Datenfluss läuft über ZfA und ELSTER.

Wer privat kranken- und pflegeversichert ist, bewegt sich in der Steuererklärung in einem Bereich, der auf den ersten Blick nach Formularlogik aussieht, in der Praxis aber vor allem von einem technischen und rechtlichen Filter geprägt ist. Der PKV-Verband weist darauf hin, dass Beiträge zur privaten Kranken- und Pflegeversicherung als Vorsorgeaufwendungen zu den Sonderausgaben gehören und damit grundsätzlich steuermindernd wirken können, nicht nur für die eigene Versicherung, sondern auch für privatversicherte Familienangehörige. Der entscheidende Punkt ist dabei weniger die Frage, ob Beiträge gezahlt wurden, sondern welche Teile davon als „Basis“ gelten und welche als darüber hinausgehende Mehrleistungen rechtlich aus der Abzugsfähigkeit herausfallen.

Das Fundament ist die Unterscheidung zwischen einer Basiskrankenversicherung auf GKV-Niveau und den PKV-typischen Zusatzbausteinen. Leistungen wie Chefarztbehandlung, Zweibettzimmer, Heilpraktikerbehandlungen oder bestimmte zusätzliche Zahnleistungen sind steuerlich nicht der Kern, den die Finanzverwaltung als abzugsfähig anerkennt. Anders ist es bei der Pflegepflichtversicherung, weil der Versicherungsschutz dort systemisch vergleichbar ist und deshalb die Beiträge regelmäßig vollständig berücksichtigt werden. Diese Trennlinie ist nicht nur ein politischer Satz über „Luxus“ und „Basis“, sie ist eine Rechenvorschrift, die am Ende darüber entscheidet, welcher Anteil eines Gesamtbeitrags überhaupt in der steuerlichen Wirkung ankommt.

Die Mechanik läuft über den Versicherer, der den abzugsfähigen Anteil ermittelt, indem tarifliche Mehrleistungen aus dem gezahlten Beitrag herausgerechnet werden. Als Referenzrahmen wird dabei die Krankenversicherungsbeitragsanteil-Ermittlungsverordnung (KVBEVO) herangezogen, die den Abzug nicht als Bauchgefühl zulässt, sondern als formalisierten Rechenweg. Aus einem Beitrag wird so ein steuerlich relevanter Anteil, und genau dieser Anteil wird dann über die Zentrale Zulagenstelle für Altersvermögen (ZfA) digital an die Finanzverwaltung übermittelt. In der Steuerpraxis zeigt sich daran ein typisches Muster: Die Erklärungsarbeit wird an den Datenfluss gekoppelt, und die „Komplexität“ verlagert sich weg vom Menschen hin zur Frage, ob die Übermittlung vollständig, zeitlich passend und konsistent ist.

In ELSTER taucht dieser Betrag dann als vorbereiteter Datensatz auf, der in die Anlage Vorsorgeaufwand, konkret in die Anlage VOR, einläuft. Das ist bequem, aber es schafft eine neue Abhängigkeit: Wenn Datensätze fehlen, verzögert sind oder nicht zum realen Zahlungsjahr passen, entsteht nicht automatisch ein Schaden, aber fast immer Reibung. Reibung heißt in diesem Kontext Rückfragen, Korrekturen, Nachweise, im Zweifel auch eine spätere Änderung des Steuerbescheids. Gerade bei Familienkonstellationen, Tarifwechseln oder Rückerstattungen kann aus einem eigentlich standardisierten Vorgang eine kleine Fehlerkaskade werden, weil die steuerliche Wirkung an einer sauberen Zuordnung hängt.

Zu den Punkten, die der Verband hervorhebt, gehören typische Missverständnisse, die nicht spektakulär sind, aber in Summe Wirkung haben. Eigenbeteiligungen wie Selbstbehalte sind in der Regel kein Posten, der als solcher in den Sonderausgaben „absetzbar“ wird, sie verschieben die steuerliche Diskussion eher in Richtung außergewöhnliche Belastungen, wenn selbstgetragene Gesundheitskosten über das Basissystem hinaus relevant werden. Beitragsrückerstattungen wiederum sind kein Randdetail, sondern verändern im Jahr der Auszahlung den absetzbaren Beitrag, weil sie den wirtschaftlichen Aufwand rückwirkend relativieren. Und wenn die Höchstgrenzen der Vorsorgeaufwendungen noch nicht ausgeschöpft sind, kann sich die Tür für weitere Bausteine öffnen, etwa Beitragsentlastungstarife oder Zusatzversicherungen, die steuerlich als sonstige Vorsorgeaufwendungen auftauchen können.

Systemisch steckt darin ein klarer Widerspruch, der in der Praxis oft unterschätzt wird. Die Steuerlogik honoriert nicht „Versicherung“ als Idee, sondern nur den Anteil, der als Basisversorgung definiert ist, während gleichzeitig die PKV über Tarife gerade dadurch funktioniert, dass sie Basis und Mehrleistung sauber paketiert. Das führt zu einer Grenze, die im Alltag akzeptiert wird, solange sie verlässlich berechnet und verlässlich übermittelt wird. Sobald aber die Datenkette hakt, wird aus einer abstrakten Regel eine konkrete Zumutung: Menschen müssen dann erklären, warum gezahlte Beiträge nicht vollständig wirken, oder warum eine Rückerstattung den Abzug drückt, obwohl die Belastung gefühlt „trotzdem da“ war.

Operativ ist das ein Thema der Planbarkeit. Wer seine Abgaben kalkuliert, verlässt sich auf die automatische Vorbefüllung und darauf, dass die steuerliche Anerkennung dem realen Beitragsfluss folgt. Wenn das nicht geschieht, entstehen nicht nur Rückfragen, sondern im Zweifel Liquiditätsverschiebungen, weil Erstattungen später kommen oder Bescheide geändert werden. Und politisch bleibt die Folge, dass die Debatte um Vorsorgeaufwendungen immer auch eine Debatte um Systemvergleich ist: Die Regel setzt GKV-Niveau als Maßstab, die PKV liefert die Daten, die Finanzverwaltung zieht die Trennlinie, und die Steuerwirkung hängt an einer Definition, die nicht verhandelbar wirkt, aber im Alltag ständig erklärt werden muss.

 

Eine gerettete Ausbildung stärkt Selbstvertrauen, festigt Teams, öffnet neue Perspektiven.

Seit Juni 2025 arbeitet Viktoria Kuznetsov als PKA-Auszubildende in der Schellenberg-Apotheke in Hüfingen, und schon dieser Zeitstempel erklärt, warum ihre Geschichte mehr ist als ein netter Ausbildungsbericht. Sie kam in einen Betrieb, nachdem sie in ihrem vorherigen Ausbildungsumfeld im dritten Lehrjahr so nah am Abbruch war, dass nicht einmal klar war, ob sie überhaupt bis zur Prüfung durchhält. Inhaberin Sarah Mast beschreibt den Moment des Wechsels als Mischung aus Alarmzeichen und Chance: Nicht fehlender Wille war das Problem, sondern ein Alltag, der die Auszubildende klein hielt. Wenn jemand in einer kaufmännischen Ausbildung nicht selbstständig telefonieren darf, keine Rezepte bearbeitet und praktisch nur zuschauen soll, entsteht aus Lernzeit Stillstand, und Stillstand frisst Motivation schneller als jede Prüfung.

Im neuen Team wurde sichtbar, wie sehr Ausbildung von Arbeitswirklichkeit lebt. Mast legte im Gespräch weniger Wert auf ein perfektes Vorprofil als auf Passung, Stabilität und den Willen, wieder Verantwortung zu übernehmen. Das Apothekenteam nutzte das Ausbildungsberichtsheft wie ein Schadensprotokoll: Bruchstücke statt System, Lücken statt Aufbau. Daraus folgte eine klare, alltagstaugliche Gegenmaßnahme, die nicht nach Sonderpädagogik klingt, sondern nach Handwerk: wiederholen, vorzeigen, üben, zurückmelden, erneut üben. Viktoria beschreibt konkret, was vorher fehlte und warum der Wechsel so viel veränderte: selbstständiges Telefonieren, Rezepte bearbeiten, Routinen, in denen man nicht mehr nur mitläuft, sondern handeln muss. Innerhalb eines halben Jahres wurde Stoff aus den ersten beiden Ausbildungsjahren nachgeholt, parallel zum normalen Betrieb, mit einer Lernstunde pro Tag und der ständigen Möglichkeit, Fragen zu stellen. Bestnoten kurz vor Ausbildungsende wirken dann nicht wie ein Wunder, sondern wie die Folge davon, dass Ausbildung nicht ornamental, sondern ernst genommen wurde.

Gleichzeitig liegt in dieser Geschichte ein Satz, der vielen Inhaberinnen und Inhabern ökonomisch gegen die Intuition läuft: Viktoria will nach dem Abschluss nicht in der Apotheke bleiben. Sie orientiert sich in Richtung Erziehungsbereich, weil ihr der Schwerpunkt auf Büro und Kaufmännischem langfristig nicht passt und sie mehr direkten Kontakt mit Menschen sucht. Mast bleibt trotzdem klar. Sie spricht von Teamharmonie, von der Apotheke als „zweiter Familie“, und davon, dass es sich gelohnt hat, in eine Auszubildende zu investieren, selbst wenn die Fachkraft nicht im Betrieb verbleibt. Dahinter steckt eine betriebliche Realität, die selten offen ausgesprochen wird: Ausbildung ist nicht nur Personalbeschaffung, sie ist auch Stabilisierung des Arbeitsklimas, Entlastung durch Kompetenzaufbau und ein Beitrag zur Berufsidentität des Teams. Wer Ausbildung nur als Pipeline versteht, übersieht die Wirkung, die bereits während der Ausbildung entsteht.

Für die Branche zeigt sich ein strukturelles Spannungsfeld, das sich nicht mit Appellen lösen lässt. Je jünger Auszubildende starten, desto häufiger wird erst unterwegs klar, ob ein Berufsbild wirklich passt. Mast nennt das Alter von 22 Jahren und wertet die Entscheidung nicht als Unzuverlässigkeit, sondern als reflektierten Schritt, gerade weil Viktoria die Ausbildung fertig macht. Diese Perspektive kollidiert mit dem Druck vieler Apotheken, jede investierte Stunde müsse später als Arbeitskraft zurückkehren. Wenn ein Betrieb jedoch einen Abbruch verhindert, Prüfungsreife herstellt und Selbstbewusstsein aufbaut, entsteht ein Erfolg, der nicht an der Übernahmequote hängt, sondern an der Professionalität der Begleitung. Dass die Schellenberg-Apotheke nun erneut eine PKA sucht und eine weitere Mitarbeiterin perspektivisch zur PTA-Ausbildung im Herbst wechselt, zeigt zusätzlich, wie dynamisch Personalplanung geworden ist.

Die Entwicklung von Viktoria markiert damit einen Punkt, an dem Personalpolitik und Ausbildungskultur zusammenfallen. Ein Wechsel des Ausbildungsbetriebs kann zur Rettungsleine werden, wenn er nicht als Gnadenakt, sondern als sauber organisierte Nachqualifizierung verstanden wird. Und ein Betrieb, der eine Auszubildende erfolgreich bis zur Prüfung bringt, obwohl deren Zukunft außerhalb der Apotheke liegt, setzt ein Signal, das in Zeiten von Nachwuchssorgen schwerer wiegt als jede Kampagne: Ausbildung funktioniert dort, wo Verantwortung früh beginnt, wo Lücken nicht beschämt, sondern geschlossen werden, und wo Menschen nicht als Quote, sondern als Teil eines Teams behandelt werden.

 

Eckert attackiert Kassenkurs, kritisiert Vergütungslogik, fordert strukturelle Ehrlichkeit.

Die Auseinandersetzung um das Apothekenhonorar hat eine neue Schärfe erreicht, weil sie nicht mehr nur um Zahlen kreist, sondern um Systemvertrauen. Dr. Schamim Eckert spricht von „GKV-Doppelmoral“, nachdem Vertreterinnen des GKV-Spitzenverbands deutlich gemacht hatten, dass weder eine Anhebung des Fixums geplant sei noch wirtschaftlich gut laufende Betriebe auf Bestandsschutz hoffen sollten. Der Kern des Konflikts liegt damit nicht allein in der Frage, ob mehr Geld fließt, sondern ob die Argumentationslinie der Krankenkassen in sich stimmig ist, wenn sie einerseits auf leere Kassen verweisen und andererseits intern steigende Personalkosten verzeichnen.

Eckert greift die wiederkehrende Erzählung von den „leeren Kassen“ frontal an. Sie bezeichnet sie als Schutzbehauptung eines Systems, das Sparsamkeit predige, ohne sich selbst denselben Maßstab anzulegen. In der politischen Kommunikation ist dieser Vorwurf deshalb brisant, weil er die Legitimation des Verteilungsrahmens berührt: Wenn Apotheken seit Jahren faktisch mit Nullrunden leben und strukturelle Kostensteigerungen ausgleichen müssen, während auf Verwaltungsebene Gehälter und Sonderzahlungen wachsen, entsteht ein Wahrnehmungsgefälle. Eckert verweist auf Steigerungsraten von rund 31 bis 33 Prozent bei Vergütungen in der Kassenverwaltung, rechnet jährliche Erhöhungen und Sonderzahlungen zusammen und stellt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. Die Mechanik dahinter ist einfach, aber wirkungsvoll: Wer Sparen fordert, muss am eigenen System beginnen, sonst verliert der Appell an Solidarität an Glaubwürdigkeit.

Hinzu kommt die von der Kassenvertreterin skizzierte Vergütungslogik, die Eckert als planwirtschaftlich einordnet. Der Gedanke, wirtschaftlich erfolgreiche Stadtapotheken stärker zu begrenzen oder ihnen weniger zukommen zu lassen, widerspreche den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft, argumentiert sie. Wenn Mehrarbeit, Effizienz und Risikobereitschaft nicht honoriert, sondern relativiert werden, verändere sich die Anreizstruktur im System. Ein Vergütungsmodell, das Leistungsunterschiede glättet, kann zwar kurzfristig Verteilungseffekte erzeugen, langfristig aber Innovations- und Investitionsbereitschaft dämpfen. Die operative Folge wäre nicht sofort sichtbar, sie würde sich in Personalentscheidungen, Öffnungszeiten, Investitionen in digitale Infrastruktur und letztlich in der Versorgungsqualität niederschlagen.

Eckert erweitert die Kritik um eine strukturelle Dimension, indem sie die Zahl von 94 Krankenkassen mit jeweils eigener Verwaltung ins Feld führt. Darin sieht sie ein erhebliches Sparpotenzial, das politisch unbequem sei und deshalb nicht konsequent gehoben werde. Die Argumentation folgt einer klaren Kausalkette: Steigende Verwaltungskosten und hohe Vorstandsvergütungen erhöhen den Druck auf Beitragsgelder, dieser Druck wird nach unten weitergereicht, und Apotheken, Pflegeeinrichtungen sowie Arztpraxen geraten in die Rolle der Kostendämpfer. Wenn Solidarität eingefordert wird, müsse sie im gesamten System sichtbar werden, nicht nur in der direkten Versorgung. Andernfalls droht ein Legitimationsproblem, das über die aktuelle Honorarfrage hinausweist.

Politisch steht hinter dem Konflikt eine größere Systemfrage. Die gesetzliche Krankenversicherung ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts organisiert und finanziert sich aus Beiträgen. Jede Entscheidung über Vergütung ist daher auch eine Entscheidung über die Verteilung von Versichertengeldern. Wenn die Debatte jedoch den Eindruck erweckt, dass Verwaltung und Versorgung unterschiedlichen Maßstäben unterliegen, verschiebt sich der Diskurs von einer Haushaltsfrage zu einer Vertrauensfrage. Eckerts Wortwahl – „zynisch und arrogant“ – zielt genau auf diesen Punkt: Es geht nicht nur um Eurobeträge, sondern um die Wahrnehmung von Fairness und Verantwortlichkeit.

Operativ bedeutet das für Apotheken eine Phase erhöhter Unsicherheit. Ohne Honorarsteigerung bei gleichzeitig steigenden Kosten für Personal, Energie und Logistik wächst der Anpassungsdruck im Alltag. Investitionen werden verschoben, Arbeitsbelastungen steigen, und die Attraktivität des Berufsbildes leidet. Systemisch droht eine Spirale, in der wirtschaftliche Stabilität einzelner Betriebe als Argument gegen strukturelle Anpassungen genutzt wird, während die Breite der Versorgung weiter unter Druck gerät. Der Konflikt um das Fixum ist deshalb kein isolierter Tarifstreit, sondern ein Symptom dafür, wie stark das Gleichgewicht zwischen Verwaltung, Politik und Versorgung derzeit austariert werden muss – und wie schnell es kippt, wenn die Maßstäbe nicht für alle gleichermaßen gelten.

 

Grenzmarkt lockt mit Cent-Preisen, unterläuft Apothekenstruktur, verschärft Regulierungsdruck.

Nur wenige Meter hinter der deutsch-niederländischen Grenze beginnt ein Geschäftsmodell, das regelmäßig für Diskussionen sorgt: Der Hollandmarkt „Ter Huurne“ in Haaksbergen wirbt erneut mit „Drogeriewochen“ und setzt dabei auf Schmerzmittel, Magen-Darm-Präparate und weitere OTC-Arzneimittel zu Preisen unter einem Euro. 50 Tabletten Paracetamol 500 mg für 99 Cent, 20 Tabletten Ibuprofen 400 mg zum gleichen Preis, Loperamid 2 mg für 89 Cent pro Zehnerpackung – Zahlen, die in deutschen Apotheken weder betriebswirtschaftlich noch regulatorisch darstellbar wären. Selbst wenn einzelne Angebote im Vergleich zu früheren Aktionen leicht teurer geworden sind, bleibt die Signalwirkung eindeutig: Arzneimittel werden hier als Frequenzbringer eingesetzt.

Die strukturelle Grundlage liegt im unterschiedlichen Ordnungsrahmen. In den Niederlanden dürfen bestimmte nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel außerhalb von Apotheken in Drogerien verkauft werden. Was in Deutschland der Sichtwahl unter pharmazeutischer Verantwortung vorbehalten ist, steht dort zwischen Haushaltswaren und Kosmetikartikeln. Diese Verschiebung des Vertriebsortes verändert die Kostenstruktur: Beratungspflichten, Personalqualifikation, Dokumentationsanforderungen und Apothekeninfrastruktur schlagen sich im Preis nieder. Fällt dieser Rahmen weg oder wird reduziert, sinkt der Verkaufspreis – nicht zwingend, weil das Produkt günstiger produziert wird, sondern weil der regulatorische Überbau anders ausgestaltet ist.

Operativ zielt „Ter Huurne“ klar auf deutsche Kundinnen und Kunden. Das Gelände beginnt nur etwa zehn Meter hinter der Grenze, der Markt ist häufig auch an Feiertagen geöffnet, und das Angebot ist kommunikativ auf Schnäppchenjäger ausgerichtet. Restaurant, Spielplatz, Tankstelle – alles befindet sich „in einem Geschäft“ und schafft einen Ausflugscharakter, der den Arzneimittelkauf in einen Konsumkontext einbettet. Mitunter reisen Gruppen in Kleinbussen an. Die Arzneimittelpreise fungieren dabei als Anker, der weitere Umsätze im Markt generiert. Ein 99-Cent-Produkt kann betriebswirtschaftlich vertretbar sein, wenn es als Lockangebot dient und der durchschnittliche Warenkorb deutlich höher ausfällt.

Gleichzeitig stößt auch dieses Modell an Grenzen. Bestimmte Arzneimittel durften nach gerichtlichen Entscheidungen nicht mehr beworben oder verkauft werden. Das zeigt, dass selbst im liberaleren niederländischen Rahmen nicht alles freigegeben ist und dass grenzüberschreitender Handel sensibel beobachtet wird. Dennoch bleibt der Effekt auf deutsche Apotheken spürbar: Preisvergleiche verbreiten sich schnell, und die Erwartungshaltung von Verbraucherinnen und Verbrauchern verschiebt sich. Wenn ein Schmerzmittel im Nachbarland unter einem Euro kostet, wirkt der reguläre Apothekenpreis im Inland erklärungsbedürftig, auch wenn er auf anderen Strukturen beruht.

Systemisch verschärft sich damit ein Spannungsfeld zwischen Binnenregulierung und europäischer Warenverkehrsfreiheit. Nationale Vorgaben zur Arzneimittelsicherheit und Beratung stehen einem offenen Markt gegenüber, in dem Kundinnen und Kunden physisch oder digital ausweichen können. Für Apotheken entsteht ein doppelter Druck: Einerseits müssen sie ihre Beratungs- und Versorgungsfunktion aufrechterhalten, andererseits geraten sie in einen Preisvergleich, der strukturelle Unterschiede ausblendet. Die Folge kann eine Erosion des Verständnisses für den Mehrwert pharmazeutischer Beratung sein, wenn der Blick sich auf den reinen Packungspreis verengt.

Langfristig stellt sich die Frage, wie Regulierung und Wettbewerb austariert werden. Ein System, das Arzneimittel primär als Konsumgut behandelt, setzt andere Anreize als eines, das sie als Teil der Gesundheitsversorgung versteht. Grenzmärkte wie „Ter Huurne“ machen diese Unterschiede sichtbar und wirtschaftlich nutzbar. Für die politische Debatte bedeutet das, dass Preisunterschiede nicht nur als Marketingphänomen betrachtet werden können, sondern als Indikator dafür, wie unterschiedlich Gesundheitssysteme Risiken, Verantwortung und Marktmechanismen gewichten.

 

Union stoppt Abstimmung, Länder verhandeln weiter, Reformdruck bleibt.

Eigentlich sollte das Krankenhausanpassungsgesetz (KHAG) in dieser Woche in 2./3. Lesung durch den Bundestag gehen, doch die Union hat die Abstimmung kurzfristig abgesagt. Fraktionschef Jens Spahn begründet das mit laufenden Gesprächen mit den Ländern und dem Ziel, ein Gesetz zu bekommen, das sowohl im Bundestag als auch im Bundesrat eine Mehrheit findet. Der Satz „eine Woche länger“ klingt dabei wie ein organisatorischer Hinweis, ist politisch aber eine klare Markierung: Die Reform wird nicht nur am Inhalt gemessen, sondern an der Fähigkeit, sie föderal abzusichern.

Auf der anderen Seite steht die SPD, die den Schritt bedauert und von weiterem Abstimmungsbedarf in unionsgeführten Ländern spricht. Christos Pantazis betont, seine Fraktion hätte nach Verhandlungen und Änderungen mit dem Paket leben können, und verweist zugleich auf einen roten Faden: Die „Leitplanken“ der Reform sollen nicht zur Disposition stehen. Genau hier liegt der Konfliktkern. Wer eine Abstimmung verschiebt, verschiebt nicht automatisch die Reformziele, aber er öffnet Spielräume für Neujustierungen, die sich später nur schwer wieder schließen lassen.

Der Entwurf, den das Kabinett auf den Weg gebracht hat, soll mehr Spielraum bei der Umsetzung vor Ort geben. Das ist der klassische Versuch, die Reformlogik mit der Realität in den Ländern zu versöhnen: Standards und Qualitätsvorgaben zentral, Umsetzung pragmatischer und regionaler. Denn die Krankenhausreform, die Anfang 2025 in Kraft getreten ist und bis 2029 umgesetzt werden soll, verfolgt ein doppeltes Ziel: einheitliche Qualitätsvorgaben bei Behandlungen und weniger finanziellen Druck in Richtung immer mehr Fälle. In der Praxis bedeutet das, dass Fehlanreize im System angegangen werden sollen, ohne dass Versorgungslücken entstehen.

Kritik kommt erwartbar von den Grünen. Janosch Dahmen bezeichnet das kurzfristige Absetzen als „Offenbarungseid“ und warnt vor einer politischen Dynamik, in der beschlossene Strukturreformen verwässert oder rückabgewickelt werden. Seine Argumentation setzt auf eine Kostenlogik: Wer überfällige Veränderungen aufschiebt, riskiert Mehrausgaben und am Ende weiter steigende Beiträge. Das Gesundheitsministerium wiederum signalisiert, man wolle die Beratungen „rechtzeitig“ abschließen, um die Bundesratssitzung Ende März zu erreichen, also einen konkreten Taktpunkt im Gesetzgebungsverfahren.

Für das System ist diese Verschiebung mehr als ein Kalendereintrag. Krankenhäuser, Träger und Länder brauchen Planbarkeit, weil Investitionen, Personalplanung und Versorgungsaufträge nicht in Wochenlogik funktionieren. Wenn die politische Einigung erst im letzten Moment steht, steigt die Gefahr, dass Kompromisse nicht mehr entlang medizinischer Qualität und Strukturwirksamkeit gebaut werden, sondern entlang dessen, was kurzfristig mehrheitsfähig ist. Gleichzeitig ist der föderale Realismus nicht wegzudiskutieren: Ohne Bundesratstauglichkeit droht ein Gesetz, das formal beschlossen, aber praktisch blockiert wird.

Unterm Strich zeigt der Vorgang, wie eng Reformtempo und Reformakzeptanz miteinander verbunden sind. Die Union versucht, Mehrheitsfähigkeit und Länderfrieden vor die schnelle Abstimmung zu stellen; SPD und Grüne lesen darin ein Risiko für Verlässlichkeit und Konsequenz. Entscheidend wird sein, ob die zusätzliche Verhandlungszeit am Ende nur die Verpackung glättet oder ob sie die Substanz verschiebt – denn die Reformziele stehen im Raum, und der Druck im System bleibt unabhängig vom Sitzungskalender bestehen.

 

Novo senkt US-Listenpreise, reagiert auf Wettbewerbsdruck, verschiebt Marktdynamik.

Ab dem 1. Januar 2027 will Novo Nordisk in den USA die Listenpreise für seine Blockbuster Wegovy und Ozempic deutlich reduzieren. Für beide Präparate sollen künftig 675 US-Dollar pro Monat fällig werden, was bei Wegovy etwa einer Halbierung und bei Ozempic einer Reduktion um gut ein Drittel entspricht. Auch Tablettenformate wie Rybelsus sollen in diese neue Preisstruktur einbezogen werden. Damit greift der dänische Konzern an einer Stelle an, die im US-Gesundheitssystem besonders sensibel ist: am Listenpreis, der für viele Versicherte mit Selbstbehalt oder prozentualer Eigenbeteiligung unmittelbar relevant ist.

Die strategische Mechanik dahinter ist klar. In den USA orientieren sich Zuzahlungen häufig am offiziellen Listenpreis, selbst wenn zwischen Herstellern, Pharmacy Benefit Managern und Versicherern komplexe Rabattvereinbarungen existieren. Sinkt der Listenpreis, reduziert sich für bestimmte Patientengruppen die direkte finanzielle Belastung. Novo Nordisk formuliert das Ziel offen: besserer Zugang und höhere Erschwinglichkeit. Operativ bedeutet das, dass die Preissenkung nicht nur Marketing ist, sondern in bestimmten Versicherungskonstellationen reale Zahlungsströme verändert. Wer bislang mehrere Hundert Dollar Eigenanteil pro Monat tragen musste, könnte spürbar entlastet werden.

Gleichzeitig ist der Schritt ohne den Wettbewerbsdruck durch den US-Konkurrenten Eli Lilly kaum zu verstehen. Lilly hat mit Mounjaro (Tirzepatid) und dem Adipositas-Medikament Zepbound starke Marktimpulse gesetzt, die in Studien teils als wirksamer wahrgenommen wurden als die Semaglutid-basierten Produkte von Novo. In den vergangenen Quartalen geriet Novo im wichtigen Markt der Gewichtstherapien zunehmend ins Hintertreffen, während Lilly Marktanteile gewann. Eine drastische Preisanpassung verschiebt daher nicht nur die Kostendiskussion, sondern dient auch als Signal an Investoren und Verschreiber: Novo ist bereit, Volumen über Marge zu priorisieren.

Für die Kapitalmärkte hatte die Ankündigung kurzfristige Effekte. Nach Veröffentlichung entsprechender Berichte gaben die Aktien beider Unternehmen nach, was die Unsicherheit über Margenentwicklung und Preiskampf widerspiegelt. Interessant ist dabei, dass sich die Kursentwicklungen der beiden Konzerne in den vergangenen Monaten ohnehin auseinanderbewegt hatten – mit relativer Schwäche bei Novo und stärkerer Dynamik bei Lilly. Eine Halbierung des Listenpreises bei einem Kernprodukt ist deshalb auch ein strategischer Eingriff in die Erwartungssteuerung: Wie viel Preisspielraum besteht, ohne die Profitabilität strukturell zu gefährden?

Hinzu kommt, dass Novo kurz zuvor eine weitere Belastung verkraften musste. Das Abnehmmittel Cagrisema verfehlte in Studien seinen primären Endpunkt und blieb hinter den Erwartungen zurück. In einem Markt, der stark von Studiendaten, Wirksamkeitsvergleichen und Zukunftserwartungen lebt, erhöht ein solcher Rückschlag den Druck, an anderer Stelle Stärke zu demonstrieren. Die Preisanpassung bei Wegovy und Ozempic kann somit auch als Gegenbewegung gelesen werden: Wenn Innovation nicht wie erhofft durchschlägt, wird der Zugang über den Preis geöffnet.

Systemisch wirft der Schritt Fragen über die Logik der US-Arzneimittelpreisbildung auf. Wenn ein Unternehmen in der Lage ist, Listenpreise um ein Drittel oder gar die Hälfte zu senken, legt das offen, wie groß die Differenz zwischen Listenpreis, Nettopreis und tatsächlichen Produktionskosten sein kann. Für Patientinnen und Patienten mit hohen Selbstbehalten ist die Liste Realität, für Versicherer und Verhandler oft nur Verhandlungsmasse. Mit der Entscheidung für 675 Dollar setzt Novo einen neuen Referenzpunkt im Wettbewerb um GLP-1- und GLP-1/GIP-Therapien – und verschiebt damit nicht nur den eigenen Marktauftritt, sondern die gesamte Preisdynamik in einem der umkämpftesten Segmente der Pharmabranche.

 

Grapefruitsaft hemmt CYP3A4, verstärkt Diazepam, verändert Wirkspiegel.

Dass Grapefruitsaft Wechselwirkungen mit Arzneimitteln auslösen kann, ist seit Jahren bekannt, doch im Zusammenspiel mit Benzodiazepinen wie Diazepam zeigt sich die Mechanik besonders deutlich. Im Zentrum steht das Enzymsystem Cytochrom P450, vor allem das Isoenzym CYP3A4, das für den Abbau zahlreicher Wirkstoffe verantwortlich ist. Wird dieses Enzym gehemmt, verlangsamt sich die Metabolisierung – der Wirkstoff verbleibt länger und in höherer Konzentration im Blut. Genau hier greifen Inhaltsstoffe der Grapefruit ein.

Grapefruit enthält unter anderem Furanocumarine sowie das Flavonoid Naringenin. Naringenin hemmt in der Leber reversibel CYP3A4, während Furanocumarine im Darm eine irreversible Hemmung des dort lokalisierten CYP3A4 bewirken können. Diese intestinale Hemmung ist pharmakokinetisch relevant, weil ein erheblicher Teil des First-Pass-Metabolismus bereits in der Darmwand stattfindet. Wird dieser Schritt blockiert, gelangt mehr Wirkstoff unverändert in den systemischen Kreislauf. Bei Diazepam, das unter anderem über CYP3A4 verstoffwechselt wird, kann dies zu erhöhten Plasmaspiegeln führen.

Die pharmakodynamische Folge ist keine abstrakte Laborgröße, sondern klinisch spürbar. Benzodiazepine wirken über die Bindung an GABA-A-Rezeptoren, erhöhen die Öffnungsfrequenz von Chloridkanälen und verstärken dadurch die inhibitorische Wirkung von Gamma-Aminobuttersäure im zentralen Nervensystem. Sedierung, Muskelrelaxation, anxiolytische Effekte und antikonvulsive Eigenschaften sind gewünscht – eine übermäßige Dämpfung hingegen kann zu starker Müdigkeit, Koordinationsstörungen, verlangsamten Reaktionen oder im Extremfall zu Atemdepression führen. Wenn der Abbau durch Grapefruitsaft verlangsamt wird, steigt das Risiko einer solchen Überdosierung im funktionellen Sinn, selbst wenn die eingenommene Tablettendosis unverändert bleibt.

Nicht alle Benzodiazepine sind gleichermaßen betroffen. Diazepam gilt als langwirksam und ist ein Substrat von CYP3A4, ebenso wie Alprazolam oder Midazolam in unterschiedlicher Ausprägung. Anders stellt sich die Situation bei Lorazepam dar, das überwiegend über Glucuronidierung metabolisiert wird und nicht in gleichem Maße vom CYP3A4-System abhängt. Hier ist eine relevante Wirkverstärkung durch Grapefruitsaft nicht zu erwarten. Diese Differenzierung zeigt, wie stark Wechselwirkungen von der individuellen Stoffwechselroute eines Wirkstoffs abhängen.

Auch Z-Substanzen wie Zolpidem oder Zopiclon unterliegen einer Metabolisierung über CYP3A4. Wird dieses Enzym gehemmt, kann der Plasmaspiegel steigen, was nicht nur die hypnotische Wirkung verstärkt, sondern auch unerwünschte Effekte intensiviert. In der Praxis kann dies bis zu einem rauschähnlichen Zustand reichen, insbesondere wenn zusätzlich Alkohol konsumiert wird, der seinerseits zentral dämpfend wirkt und die Wirkung von Schlafmitteln unvorhersehbar verstärken kann. Die Kombination aus Grapefruitsaft, Z-Substanz und Alkohol erhöht damit das Risiko von Stürzen, Verwirrtheit oder anderen sicherheitsrelevanten Ereignissen.

Ein weiterer Mechanismus betrifft Transportproteine wie das Organic Anion Transporting Polypeptide (OATP), das für die Aufnahme bestimmter Wirkstoffe im Darm verantwortlich ist. Grapefruitsaft kann OATP hemmen, wodurch beispielsweise die Resorption von Fexofenadin reduziert wird. Hier entsteht das umgekehrte Problem: nicht eine Wirkverstärkung, sondern eine verminderte Wirksamkeit. Das Beispiel zeigt, dass Grapefruit nicht pauschal „verstärkt“, sondern je nach Enzym- und Transporterabhängigkeit eines Arzneistoffs in unterschiedliche Richtungen wirken kann.

Für die Versorgung bedeutet das, dass Wechselwirkungen nicht nur eine theoretische Warnung sind, sondern ein konkreter Beratungsanlass. Die zeitliche Nähe zwischen Saftkonsum und Medikamenteneinnahme ist entscheidend, weil die Hemmung von CYP3A4 – insbesondere im Darm – über Stunden anhalten kann. Ein Glas Grapefruitsaft am Morgen kann somit die Pharmakokinetik eines später eingenommenen Arzneimittels beeinflussen. Gerade bei Wirkstoffen mit enger therapeutischer Breite oder zentral dämpfender Wirkung sollte daher konsequent auf Grapefruitsaft verzichtet werden, um unerwartete Wirkspiegelveränderungen zu vermeiden.

 

Kinder erhalten oft Off-Label-Medikamente, Studien fehlen, Risiken steigen.

In Deutschland gilt die Arzneimittelversorgung als stabiler Standard, doch bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich eine Lücke, die nicht durch Logistik entsteht, sondern durch Evidenz. Auf dem 21. Diskussionsforum der SEG 6 und des Medizinischen Dienstes Westfalen-Lippe in Hamm wurde deutlich, dass der zentrale Engpass die Datenlage ist: Für viele Wirkstoffe fehlen klinische Studien in pädiatrischen Populationen. Dr. Claudia Riedel vom BfArM benennt Ursachen, die sich gegenseitig verstärken: kleine Fallzahlen, schwierige Rekrutierung, komplexe Einwilligungsprozesse über Erziehungsberechtigte. Gleichzeitig plädiert sie dafür, hohe Zulassungshürden beizubehalten, weil Kinder einen besonderen Schutz benötigen. Genau darin liegt die Spannung: Schutz durch strenge Regeln, aber Versorgungslücken durch fehlende Zulassungen.

Dieses Spannungsfeld mündet in der Praxis in das Off-Label-Dilemma. Ärztinnen und Ärzte greifen häufig auf Medikamente zurück, die für Erwachsene zugelassen sind, aber für Kinder nicht in gleicher Weise geprüft wurden. Dr. Andreas Rhode beschreibt das als Normalzustand: In pädiatrischen Fachgebieten werden 60 bis 90 Prozent der Arzneimittel zulassungsüberschreitend verordnet. Damit wird Off-Label nicht zur Ausnahme, sondern zur systemischen Brücke zwischen medizinischer Notwendigkeit und regulatorischer Realität. Das Problem ist nicht, dass Off-Label per se falsch wäre, sondern dass die Risiko-Nutzen-Abwägung auf dünnerer Datenbasis stattfindet und sich Verantwortung stärker auf den Einzelfall verlagert.

Dr. Fabian Arcari mahnt deshalb besonders bei nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch zur Vorsicht und verweist darauf, dass selbst nicht rezeptpflichtige Arzneimittel bei falscher Anwendung lebensbedrohliche unerwünschte Wirkungen auslösen können. Die Aussage ist in ihrer Härte ein Warnsignal: Wo Dosierungen alters- und gewichtsspezifisch sensibel sind, wo Stoffwechselwege unreif sein können und wo Fehlanwendungen schneller eskalieren, wird aus einem „harmlosen“ OTC-Präparat im schlimmsten Fall ein relevantes Risiko. Das betrifft nicht nur klinische Situationen, sondern auch die Selbstmedikation in Familien, die häufig von Erfahrungswerten geprägt ist.

Professor Martin Holtmann beschreibt eine weitere Ebene des Dilemmas: Alternativlosigkeit. Gerade bei Depressionen und Psychosen sind die therapeutischen Optionen bei Kindern und Jugendlichen stark eingeschränkt. Dadurch entsteht ein paradoxes Zulassungsbild: Substanzen, die heute kaum noch jemand ernsthaft bei Kindern einsetzen will, haben eine Zulassung, während andere Medikamente mit grundsätzlich guter Datenlage keine besitzen. Das ist nicht nur ein medizinisches Problem, sondern ein Ergebnis historischer Zulassungswege, sich verändernder Leitlinien und einer Nutzenbewertung, die pädiatrische Besonderheiten nicht automatisch abbildet.

Aus Sicht der Industrie verweist Dr. Nicole Armbrüster von Pharma Deutschland auf den unverhältnismäßig hohen Aufwand pädiatrischer Studien. Inhomogene Patientengruppen und praxisferne Bestimmungen erhöhen Kosten und Komplexität, während sich ökonomische Anreize bei kleinen Märkten nur begrenzt rechnen. Zusätzlich prallen Zulassungsfragen und Nutzenbewertung teils unvereinbar aufeinander, wodurch Kinder- und Jugendaspekte in der Bewertungssystematik an den Rand geraten. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Engpass nicht nur „zu wenig Forschung“ ist, sondern auch ein Problem von Rahmenbedingungen, die Forschung erschweren oder unattraktiv machen.

Gleichzeitig gibt es bereits heute juristische Hebel, um Versorgung zu verbessern. Dr. Maximilian Blindzellner vom GKV-Spitzenverband betont gesetzliche Möglichkeiten: Über eine Bewertung durch die Off-Label-Expertengruppe beim BfArM und einen Antrag beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) können Arzneimittel in Anlage VI der Arzneimittel-Richtlinie aufgenommen werden. Das schafft Verordnungsfähigkeit zulasten der GKV und kann Versorgungslücken pragmatisch schließen. Zudem wird auf europäischer Ebene über ähnliche Regelungen diskutiert, um Off-Label-Einsatz systematischer zu bewerten und weniger dem Zufall einzelner Indikationen zu überlassen.

Die Debatte in Hamm zeigt damit eine klare Folgeketten-Logik. Fehlen Studien, fehlen Zulassungen; fehlen Zulassungen, steigt Off-Label; steigt Off-Label, wächst die Verantwortung im Einzelfall und das Risiko von Fehlgebrauch; wächst das Risiko, steigen Sicherheitsbedenken, die wiederum die Hürden hochhalten. Aus diesem Kreislauf kommt man nur heraus, wenn Evidenzaufbau, regulatorische Schutzlogik und praktische Versorgung gemeinsam gedacht werden – nicht als Gegensätze, sondern als Balance, die Kindern und Jugendlichen sowohl Zugang als auch Sicherheit garantiert.

 

An dieser Stelle fügt sich das Bild.

Zwischen Formular und Sichtwahl, zwischen Ausbildung und Abrechnung, zwischen Listenpreis und Leitplanke wird sichtbar, wie sehr Versorgung aus vielen kleinen technischen Entscheidungen besteht. Ein Datensatz in ELSTER, ein Ausbildungsheft mit Lücken, ein Satz aus der Kassenlogik, ein Grenzpreis auf einem Werbeplakat, eine Studienkurve aus den USA, ein Enzym in der Darmwand, ein Off-Label-Vermerk im Kinderzimmer der Versorgung. Nichts davon wirkt allein groß, doch zusammen formen sie den Ton des Tages: Stabilität entsteht nicht durch Erzählungen, sondern durch Regeln, die im Alltag tragen.

Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Wenn Steuervorschriften, Ausbildungsrealität und Vergütungsdebatten gleichzeitig spürbar werden, zeigt sich, wie schnell Vertrauen zur Betriebsressource wird. Grenzpreise und globale Preissignale verändern Erwartungen, ohne Rücksicht auf die Logik einzelner Versorgungssysteme. Und dort, wo Evidenz fehlt, wird Verantwortung nicht kleiner, sondern persönlicher. Genau in dieser Mischung entscheidet sich, ob Alltag als Routine gelingt oder als Dauerkompromiss zerreibt.

Journalistischer Kurzhinweis: Themenprioritäten und Bewertung orientieren sich an fachlichen Maßstäben und dokumentierten Prüfwegen, nicht an Vertriebs- oder Verkaufszielen. Die Redaktion berichtet täglich unabhängig über Apotheken-Nachrichten und ordnet Risiken, Finanzen, Recht und Strukturfragen für Apotheker ein. Heute prallen Beitrags- und Preislogiken, Personalrealität und Arzneimittelsicherheit so aufeinander, dass jede Meldung eine andere Stelle derselben Systemspannung freilegt.

 

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