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APOTHEKE | Systemblick - Kommentar von heute
Stand: Donnerstag, 29. Januar 2026, um 20:02 Uhr
Apotheken-News: Kommentar von heute
Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über den geplanten Versorgungszuschlag, die Verhandlungslösung im SGB V und die Verschiebung von Verantwortung im Versorgungssystem.
Die neue Protestrhetorik klingt nach Aufbruch, aber die eigentliche Frage liegt darunter: Welche Strategie erzeugt am Ende Entscheidungen, statt nur Aufmerksamkeit. These: Protest ist nur dann ein Instrument, wenn er in Verhandlungsmacht übersetzt wird, und genau daran sind viele Runden gescheitert, weil Sichtbarkeit zur Routine wurde und Routine politisch leicht auszuhalten ist.
Der Ablauf mit Plakatkampagne, Petition und einem festen Datum für mögliche weitere Maßnahmen erzeugt eine saubere Dramaturgie, aber Dramaturgie ist kein Ergebnis. Ergebnis entsteht erst, wenn die Gegenseite einen Preis dafür zahlt, nichts zu tun, und dieser Preis muss verständlich, konkret und politisch zurechenbar sein. Wer nur die Honorarfrage als Zahl in den Raum stellt, landet sofort im Wettbewerb mit allen anderen Ausgabenposten, und dann wird vertagt, verwiesen, abgewogen. Wer dagegen die Folgekosten einer ausdünnenden Infrastruktur zeigt, zwingt eine andere Debatte: nicht „wer bekommt mehr“, sondern „wer verantwortet, wenn die Versorgung kippt“.
Die Mechanik ist nicht kompliziert, sie ist nur unbequem: Bleibt die wirtschaftliche Stabilisierung aus, steigt der Druck auf Personal und Zeit, sinkt die Beratungstiefe in Spitzenzeiten, wächst die Fehleranfälligkeit in der Anwendung, werden Korrekturen später und teurer. Später heißt: mehr Arztkontakte, mehr Akutkontakte, mehr Notdienstlast, mehr Verlagerung in ohnehin knappe Schnittstellen. Das ist Systemlast, die niemand im Moment der politischen Entscheidung sofort sieht, aber die im Alltag aufschlägt, wenn Puffer fehlen. Genau deshalb muss die Erzählung aus dem Stand heraus verständlich sein: Nicht die Apotheke verlangt, sondern die Versorgung verliert ihren Frühkorrektur-Ort.
Hier kommt der spitze Punkt: Wenn Protest zur wiederkehrenden Form wird, sinkt seine Wirkung von Runde zu Runde. Öffentlichkeit gewöhnt sich an Warnungen, Politik lernt, dass es am Ende doch weitergeht, und die eigene Basis wird müder, weil Aufwand und Ergebnis auseinanderlaufen. Dann wird Protest zum Symbol und frisst Zeit, die eigentlich in Verhandlungsarchitektur gehen müsste. Verhandlungsarchitektur heißt nicht „nett verhandeln“, sondern Ziele, rote Linien, Tauschlogik, Zeitplan und ein klares Bild dessen, was passiert, wenn nichts passiert.
Das Gegenargument ist ernst zu nehmen, weil es den Reiz des Protests erklärt: Ohne Sichtbarkeit versanden Themen, und ohne Mobilisierung fehlt Rückhalt, der Verhandlern überhaupt erst Luft gibt. Das stimmt, und es wäre naiv, Protest nur als Fehler zu behandeln. Aber Sichtbarkeit ist nur die Zündung, nicht der Motor. Wenn die Mobilisierung nicht gleichzeitig eine belastbare Rechnung mitliefert, die kommunal, regional und bundespolitisch anschlussfähig ist, bleibt sie ein Geräusch, das man übersteht. Genau dann entsteht der Eindruck „Alle Jahre wieder“, nicht weil die Lage unwahr wäre, sondern weil die Strategie vorhersehbar ist.
Die zweite Erzählschleife beginnt dort, wo man das Problem nicht mehr als Berufsgruppenfrage beschreibt, sondern als Ordnungsfrage. Politik hat ein Interesse an Ruhe im System und an begrenzten Ausgabensteigerungen, Kassen haben ein Interesse an Kostenkontrolle und an Verschiebung von Verantwortung, die sie nicht tragen müssen, und Öffentlichkeit hat ein Interesse an schnellen, einfachen Lösungen. In dieser Interessenlage verliert die Apotheke, wenn sie nur als Kostenposition auftritt, weil Kostenpositionen gegeneinander ausgespielt werden. Sie gewinnt nur, wenn sie als Infrastruktur greifbar wird, die Folgekosten verhindert und Verantwortung bindet, statt sie zu verschieben. Das ist keine Schönrede, sondern Governance: Wer Verantwortung trägt, muss die Mittel haben, sonst wird Verantwortung zur Fassade.
Für Betreiber heißt das praktisch: Protest kann als Rahmen dienen, aber er darf die Betriebssicherheit nicht beschädigen. Jede Aktion, die Versorgung sichtbar schwächt, liefert der Gegenseite das stärkste Argument und zerstört Vertrauen schneller, als Plakate es aufbauen. Gleichzeitig braucht es Disziplin in der Botschaft: keine Empörung als Dauerton, keine Selbstverzwergung zur Bittstellerrolle, keine reine Zahlenschlacht. Die tragfähige Linie ist die Kette aus Netzverlust, Wegezeiten, Spätkorrekturen, Systemlast, und sie muss so erzählt werden, dass sie nicht nach Drohung klingt, sondern nach Verantwortung, die bereits heute verschoben wird.
Offen bleibt damit eine unbequeme Frage, die der Protestfrühling beantworten muss, wenn er mehr sein will als Wiederholung: Wer verhandelt mit welchem Mandat, mit welcher roten Linie, und mit welcher Konsequenz, wenn es wieder bei Symbolik bleibt. Und ebenso offen bleibt, ob die Berufsvertretung den Mut hat, weniger auf die ritualisierte Bühne zu setzen und mehr auf eine Strategie, die der Gegenseite tatsächlich weh tut, ohne die Versorgung zu treffen. Wenn das gelingt, ist Protest nicht die Lösung, sondern der Hebel. Wenn es nicht gelingt, ist Protest der Beleg dafür, dass die Existenzfrage längst gestellt ist, nur noch nicht entschieden.
An dieser Stelle fügt sich das Bild.
Protest ist das sichtbare Geräusch, aber Verhandlungsmacht ist der unsichtbare Hebel, der am Ende Entscheidungen erzwingt. Sobald Sichtbarkeit zur Gewohnheit wird, verliert sie ihren Schrecken, und Vertagung wird zur kalkulierten Technik. Genau darum kippt die Lage erst dann, wenn Einigkeit, Mandat und rote Linien so klar sind, dass Ausweichen nicht mehr als „Prüfung“, sondern als Risiko wirkt. Wer die Folgekosten der Ausdünnung in eine kurze, verständliche Kette übersetzt, macht Nichtstun politisch teuer, ohne in Empörung zu investieren.
Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Ein Protestfrühling, der nur Sichtbarkeit liefert, läuft in dieselbe Wand wie die Jahre davor, weil die Gegenseite gelernt hat, dass Routine aushaltbar ist. Die entscheidende Verschiebung entsteht erst, wenn aus Protest ein Vertrag über Konsequenzen wird: wer Verantwortung trägt, wer Kosten trägt, wer am Ende die Systemlast erklärt. Dann wird Einigkeit zum Kapital, und Verhandlungsgeschick zum Unterschied zwischen Symbol und Ergebnis. Wo das ausbleibt, wird die Existenzfrage nicht gelöst, sondern nur wiederholt, bis die Struktur die Entscheidung selbst trifft.
SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@aporisk.de
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Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.
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