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APOTHEKE | Systemblick - Kommentar von heute
Stand: Donnerstag, 29. Januar 2026, um 21:20 Uhr
Apotheken-News: Kommentar von heute
Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über den geplanten Versorgungszuschlag, die Verhandlungslösung im SGB V und die Verschiebung von Verantwortung im Versorgungssystem.
Der n-tv-Vergleich über Erkältungsprodukte wirkt auf den ersten Blick wie ein verbrauchernaher Service: große Regale, sichtbare Preisunterschiede, ein Einordner, der Wirkstoffe erklärt, dazu die beruhigende Botschaft, dass manche Dinge aus der Drogerie „ausreichen“ können. These: Der eigentliche Effekt liegt nicht in der einzelnen Produktbewertung, sondern darin, dass der Beitrag den Rahmen verschiebt: Apotheke und Drogerie erscheinen als zwei Regale derselben Kategorie, zwischen denen man nach Preis und Bauchgefühl wechselt, und genau diese Normalisierung frisst sich später in die Versorgungslogik.
In der Sendung wird der Unterschied zwischen „ähnlich“ und „wirksam“ mehrfach sauber über Inhaltsstoffe erzählt, also betäubend versus befeuchtend, abschwellend versus nur befeuchtend, Mineralmischung versus Natriumchlorid, Begleitung versus Therapie. Das klingt korrekt, aber es verlegt die Hauptentscheidung in den Warenkorb: Wer Wirkung als Produkteigenschaft lernt, die man einkauft, lernt gleichzeitig, dass die Einordnung des individuellen Falls nachrangig ist. Ein kurzer Hinweis auf Anwendungsdauer bleibt dann ein Nebensatz im Strom der Kaufentscheidung. Das reicht, um Fehlanwendung nicht zu erzeugen, aber wahrscheinlicher zu machen. Still.
Das ist die Kausalkette, die später teuer wird, ohne dass sie im Moment dramatisch aussieht: Vergleichsrahmen setzt Preis als Leitwährung, Preis lenkt den Erstgriff, der Erstgriff lenkt die Anwendung, und erst nach der Anwendung entsteht der Bedarf an Korrektur. In der Fläche heißt das: mehr Rückfragen, mehr „zu lange genommen“, mehr „hat nicht geholfen, was jetzt“, mehr Zeitdruck in der Beratung, weil die erste Runde bereits gelaufen ist. Der Beitrag kann Apotheken punktuell recht geben und gleichzeitig den Ablauf im Kopf umstellen. Genau darin steckt die Ambivalenz.
Ein ernsthaftes Gegenargument gehört dazu, weil es den Reiz des Formats erklärt: Vergleich schafft Transparenz, verhindert unnötige Ausgaben und kann Menschen überhaupt erst an Wirkstofflogik heranführen. Man kann auch sagen: Wer ohne jede Orientierung in ein Regal geht, profitiert davon, wenn Unterschiede benannt werden. Nur kippt diese Transparenz in eine Strukturwirkung, sobald die zentrale Frage nicht mehr „Was ist hier angemessen?“ lautet, sondern „Wo gibt es etwas Ähnliches günstiger?“. Dann wird Beratung nicht abgeschafft, aber sie wird ökonomisch umdeklariert: nicht mehr als Teil des Erstkontakts, sondern als Zusatzleistung, die man erst nach dem Kauf oder nur im Zweifel nachfragt.
Die zweite Erzählschleife beginnt dort, wo das Thema nicht mehr Erkältung heißt, sondern Verdrängung durch Warenlogik. Sobald Apotheke als Premium-Regal erzählt wird, entsteht ein Szenario, das keiner planen muss, um real zu werden: weniger Frequenz führt zu weniger Zeit, weniger Zeit führt zu weniger sichtbarer Differenz, weniger Differenz führt zu mehr Preisvergleich, und der Preisvergleich beschleunigt die Schrumpfung. Die politische Kulisse passt dazu, weil „günstiger“ und „einfacher“ als Ziele leicht zu kommunizieren sind, während Redundanz, Beratungstiefe und Nacht- oder Notfallfähigkeit als Kosten wirken, nicht als Infrastruktur. Dann wird die Idee plausibel, dass Arzneimittelversorgung in Handelsflächen „mitlaufen“ könne, als Ecke im Markt, als Online-Bestellpunkt, als standardisierte Abholschiene. Fachkompetenz wird dabei nicht frontal angegriffen, sie wird nur in einen Slot gepresst, der für Sortimentslogik gebaut ist.
Die Governance dahinter ist banal und deshalb wirksam: Medien brauchen klare Bilder, Handel braucht Traffic und Wiederkehr, Politik braucht Preisbotschaften, Verbraucher brauchen schnelle Entscheidungen, und jede dieser Interessenlagen drückt den Rahmen Richtung Vergleichbarkeit. Die Nebenfolgen sind schwerer zu filmen: mehr Unschärfe bei Anwendung und Dauer, mehr Spätkorrekturen, mehr Folgekontakte, mehr Ausfalltage, mehr Druck auf ärztliche und pflegerische Schnittstellen, weil die erste Einordnung nicht mehr selbstverständlich am Anfang steht. Offene Punkte bleiben dann nicht akademisch, sondern praktisch: Wer trägt Verantwortung, wenn die Anwendung kippt, wo liegt die Abgrenzung zwischen Produkthinweis und Beratungsleistung, wie wird Qualität sichtbar, wenn der Ort der Einordnung verschwindet, und wie viel Versorgung kann ein System verlieren, bevor es merkt, dass es keine Puffer mehr hat.
An dieser Stelle fügt sich das Bild.
Ein Vergleich im Regal ist schnell gesendet, weil er sichtbare Preise und sichtbare Packungen hat, aber Versorgung ist nicht sichtbar, solange sie funktioniert. Genau deshalb wirkt der neue Rahmen so stark: Er macht den Einkauf zur Hauptlogik und die Einordnung zur Nebensache, obwohl sie im Alltag die eigentliche Schadensbremse ist. Wer einmal gelernt hat, dass „ähnlich“ genügt, greift beim nächsten Mal früher zur Preisroutine und später zur Klärung. Das ist keine Schuldfrage, das ist Lernpsychologie im Marktgewand. Die entscheidende Verschiebung passiert nicht in der Drogerie, sie passiert im Kopf.
Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Die gefährliche Pointe ist nicht, dass Drogerien Produkte verkaufen, sondern dass der öffentliche Vergleich beide Orte als gleichartige Stationen erklärt. Damit wird die Apotheke zur Premiumoption, nicht zur Grundstruktur. Wenn Grundstruktur zur Option wird, steigen die Folgekosten dort, wo niemand sie filmen kann: in längeren Verläufen, in späteren Korrekturen, in mehr Nachfragen, in mehr Druck auf knappe Schnittstellen. Das System merkt es erst, wenn Puffer fehlen, und dann ist die Debatte bereits eine Preisdebatte, nicht mehr eine Verantwortungsdebatte.
SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@aporisk.de
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Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.
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