Empfindlichkeit als Methode, Sponsoring als Bühne, Glaubwürdigkeit als Preis.
Christos Pantazis hat auf einem von DocMorris gesponserten Panel etwas getan, was in der Gesundheitspolitik nicht ungewöhnlich ist: Er hat eine Linie sichtbar gemacht, die in seiner Partei seit Jahren mitschwingt. Beim Versandhandel reicht das Gedächtnis der Szene weit zurück, von Ulla Schmidt bis Karl Lauterbach, und die Apothekerschaft vergisst solche Signale nicht, weil sie zu oft die Vorboten echter Verschiebungen waren. Dass die SPD beim Thema Versandhandel Spielräume sucht, ist weder skandalös noch überraschend; es ist eine strategische Position, die sich mit Wettbewerbserzählungen, Digitalrhetorik und dem Wunsch nach „niedrigschwelligen Angeboten“ gut verkleiden lässt. Überraschend ist nicht der Inhalt, sondern die Hast, mit der er ihn nachträglich wieder einfangen wollte.
Genau dort beginnt das Problem: Wer eine Position in einem Raum äußert, der von einem Betroffenen als Sponsor finanziert wird, weiß, dass jede Formulierung wie ein Versprechen gelesen wird – nicht nur von Gegnern, sondern auch von den eigenen Leuten, die später Mehrheiten organisieren müssen. Wenn danach eine Gegendarstellung kommt, die die öffentliche Wiedergabe als „falsch, irreführend und sachlich nicht haltbar“ markiert, entsteht kein sauberer Rückzug, sondern eine zweite Botschaft: Nicht die Sache ist strittig, sondern die Deutungshoheit. Das ist der Moment, in dem Politik aus einer inhaltlichen Linie eine kommunikative Verteidigungslinie macht – und damit den Kern der Debatte verlässt, um das Echo zu kontrollieren.
Dass die Reaktionen aus der Fläche klar waren, ist kein Wunder. Wer in Wahlumfragen bei Inhaberinnen und Inhabern auf Null rutscht, hat nicht zu wenig Empathie, sondern zu wenig Vertrauen. Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass man nach einem Panel plötzlich semantische Spitzfindigkeiten entdeckt, sondern dadurch, dass man die eigenen Interessen offen ausspricht und die Konsequenzen aushält. Pantazis wirkt hier nicht wie jemand, der eine notwendige Kontroverse führt, sondern wie jemand, der erschrocken ist, dass die eigene Botschaft nicht in Watte fällt. Empfindlichkeit ist in diesem Geschäft keine private Eigenschaft, sie wird zur Methode: die Kritik nicht annehmen, sondern den Überbringer problematisieren.
Das Muster ist bekannt, und es ist älter als jede aktuelle Reformdebatte. Der Rückgriff auf „missverstanden“ und das Ausweichen auf Tonfragen hat in der Apothekenpolitik eine Geschichte, die bis zu jenen Episoden reicht, in denen sich Gastgeber plötzlich nicht mehr an Mitschnitte erinnern wollten. Wenn Akteure erst austeilen und dann nicht einstecken, kippt die demokratische Routine in eine Schieflage: Die Öffentlichkeit soll zuschauen, aber nicht bewerten; Medien sollen berichten, aber nicht zuspitzen; Betroffene sollen funktionieren, aber nicht widersprechen. Wer das versucht, produziert kein Ruhegefühl, sondern eine zusätzliche Erregungsschicht, die die Sache erst recht auflädt.
Hinzu kommt die Signalwirkung für die Reform selbst. Die SPD kann selbstverständlich sagen: Versandmodelle gehören zur Versorgung, digitale Beratung gehört zur Zukunft, Telepharmazie ist ein Baustein. Nur muss dann auch offen auf dem Tisch liegen, was „Zugeständnisse“ bedeutet: Zugang zu Daten, Zugang zu Vergütung, Zugang zu neuen Rollen – und damit eine Verschiebung der Machtachsen im System. Genau diese Konkretisierung wurde auf dem Panel angedeutet, und genau diese Konkretisierung wurde danach weggeräumt, als sei sie nie gemeint gewesen. Das wirkt nicht wie verantwortliche Steuerung, sondern wie eine doppelte Buchführung: im Saal anschlussfähig sein, draußen nicht festgenagelt werden.
Die eigentliche Frage ist deshalb weniger, ob Pantazis „empfindlich“ ist, sondern ob die Politik die eigene Kommunikationskultur noch als Teil des Patientenschutzes begreift. Wer Volksvertreter ist, sollte sehr genau abwägen, wann er Medien zum Feindbild macht, weil dieser Reflex ein Gift ist, das zuerst die Glaubwürdigkeit trifft und erst danach die Gegenseite. In der Apothekenreform wird am Ende nicht nur über Paragraphen entschieden, sondern über die Zumutbarkeit der Rollen, die man Menschen in der Versorgung auflädt – und wer schon bei der Kritik am eigenen Satz ins Rutschen kommt, wird bei der Verantwortung für ein ganzes System erst recht wackeln.
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