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APOTHEKE | Systemblick - Kommentar von heute
Stand: Dienstag, 27. Januar 2026, um 22:38 Uhr
Apotheken-News: Kommentar von heute
Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über den geplanten Versorgungszuschlag, die Verhandlungslösung im SGB V und die Verschiebung von Verantwortung im Versorgungssystem.
Ducherow ist ein Ort, in dem seit mehr als drei Jahren keine Apotheke mehr existiert, obwohl dort rund 2000 Menschen leben. Versorgung wurde in dieser Zeit über Rezeptbriefkästen organisiert, also über eine Stellvertreterinfrastruktur, die den Weg zur Arzneimittelversorgung verlängert und entpersonalisiert. Jetzt soll ein Dienstleistungszentrum im Sparkassengebäude einen Bruch setzen: Postfiliale, Bürgermeisterbüro, perspektivisch weitere Funktionen – und als Besonderheit ein Terminal, über das E-Rezepte eingelöst werden können, zudem Papierrezepte oder Packungen fotografiert werden sollen; die Belieferung erfolgt über eine Apotheke aus Anklam. Das ist der Faktenkern: Zugang wird vor Ort wieder sichtbar gemacht, aber nicht als Apotheke, sondern als kombinierter Anlaufpunkt.
Die These dazu ist scharf und nicht gemütlich: Solche Hybridlösungen wirken wie Versorgung, verschieben aber den Begriff von Apotheke, weil sie den heilberuflichen Ort durch eine Zugangslogik ersetzen. Es geht nicht um Post als Nebenleistung, sondern um die still eingebaute Botschaft, dass Versorgung auch dann „funktioniert“, wenn Apotheke als Institution nicht mehr vor Ort existiert. Damit entsteht ein neues Normalbild: Rezept rein, Ware kommt. Genau dieses Normalbild ist später leichter zu kopieren als jedes Gesetz zu ändern.
Die Mechanik ist dabei nicht ideologisch, sondern alltagspsychologisch. Wer ein Terminal nutzt, erlebt zuerst Bedienbarkeit, nicht Berufsrecht. Wer im selben Raum Postdienstleistung wahrnimmt, lernt: Gesundheitszugang ist ein Modul unter anderen. Der Punkt ist nicht, dass Verantwortlichkeiten verschwinden; der Punkt ist, dass sie im Bild unsichtbar werden. Unsichtbares lässt sich politisch leichter umetikettieren. Wenn der Zugangspunkt zur Hauptgeschichte wird, rückt die Frage nach heilberuflicher Einordnung, Beratungspflichten, Dokumentation und Verantwortungsdurchgriff in den Hintergrund, obwohl sie die eigentliche Substanz der Versorgung bilden.
Damit öffnet sich eine Systemlast, die über Ducherow hinausreicht. Ein Zugang, der nicht als Apotheke firmiert, erzeugt zusätzliche Abstimmungs- und Erklärarbeit: Wer ist ansprechbar, wenn etwas hakt, wer erklärt Nutzung und Grenzen, wie werden Nachfragen, Lieferabweichungen, pharmazeutische Klärungen und Haftungsfragen organisatorisch sauber geführt, wenn der Ort selbst kein Apothekenort ist. Gerade in der Fläche, wo Personalreserven knapp sind, entsteht aus jedem zusätzlichen Schnittstellenweg eine Folgekostenkette aus Zeitbindung, Fehleranfälligkeit und Nacharbeit. Der Preis fällt nicht zwingend als Geldbetrag an, sondern als dauerhafte Betriebsunruhe.
Auf der Governance-Ebene wird das heikler. Solche Modelle entstehen nicht aus Übermut, sondern aus wirtschaftlichem Druck und aus dem politischen Vakuum, das durch mangelnde Flächensicherung und unzureichende Honorierung entsteht. Not macht erfinderisch, und Erfindungsreichtum ist im Dorf zunächst sympathisch. Gleichzeitig gilt: Wenn die Branche solche Konstruktionen als moderne Blaupause erzählt oder stillschweigend normalisiert, schwächt sie die eigene Abgrenzung für die nächste Auseinandersetzung. Denn dann steht im Raum: Wenn Apotheke selbst zeigt, dass Rezeptzugang als Terminal plus Lieferung läuft, warum sollte der Handel diese Logik nicht ebenfalls beanspruchen, nur mit größerer Fläche, längeren Öffnungszeiten und stärkerer Marktmacht. Das Argument wäre fachlich zu kurz, aber politisch verführerisch, weil es an Bildern hängt, nicht an Pflichten.
Ein ernstzunehmendes Gegenargument bleibt: In einem Ort ohne Apotheke ist ein betreuter Zugang besser als keiner, und die Anwesenheit von Personal kann den Unterschied machen, ob Technik genutzt oder ignoriert wird. Auch der Plan, Bedarf abzufragen und zunächst nur nicht rezept- oder apothekenpflichtige Kleinigkeiten vorzuhalten, lässt sich als pragmatische Soforthilfe lesen. Diese Ebene ist real und darf nicht weggewischt werden, sonst wird die Einordnung unglaubwürdig. Genau deshalb muss die Kritik präzise bleiben: Nicht der Versuch, Versorgung zu stabilisieren, ist das Risiko, sondern die Erzählung, die daraus werden kann, wenn die Apotheke als Institution im Alltagsbild durch eine Kombination aus Gerät, Regal und Botendienst ersetzt wird.
Die zweite Schleife beginnt dort, wo aus dem Einzelfall ein Muster wird. Heute ist es ein Dorf ohne Apotheke, morgen sind es weitere Standorte mit „Zugang ohne Apotheke“, weil es betriebswirtschaftlich naheliegt, neue Einnahmequellen zu erschließen, wenn die eigentliche Leistung nicht mehr trägt. Wenn aus dieser Logik eine Kette von Ausweichbewegungen entsteht, wird aus dem heilberuflichen Markenkern ein Bauchladen, und aus dem Bauchladen wird politisch ein Sortiment. In einem Sortiment ist der Unterschied zwischen Apotheke und Handel nicht mehr Substanz, sondern Behauptung, und Behauptungen halten selten stand, wenn die Flächenrealität das Gegenteil zeigt.
Der ordnungspolitische Kern lautet daher: Apotheke bleibt nicht dadurch Apotheke, dass irgendwo Arzneimittel ausgegeben werden, sondern dadurch, dass die Verantwortungskette sichtbar und vor Ort verankert bleibt. Wo die Verankerung fehlt, wächst die Versuchung, Versorgung auf Logistik zu reduzieren. Das ist nicht der Vorwurf an einzelne Betreiber, sondern die Warnung vor einer Nebenwirkung, die größer werden kann als das Modell selbst, wenn Politik und Verbände die wirtschaftliche Ursache nicht adressieren und gleichzeitig die begriffliche Grenze verwischen lassen.
An dieser Stelle fügt sich das Bild.
Dorfversorgung hält, wenn ein Ort wieder Verlässlichkeit ausstrahlt, nicht wenn er nur Bedienbarkeit simuliert. Ein Terminal löst Wege, aber es löst nicht die Frage, wer im Alltag sichtbar Verantwortung trägt, wenn Beratung, Entscheidung und Haftung auseinandergezogen werden. Sobald das Bild „Zugang ohne Apotheke“ als modern gilt, wird es als Blaupause attraktiv, und dann beginnt die eigentliche Verschiebung: vom heilberuflichen Ort zur Handelslogik, ohne dass es wie ein Bruch aussieht.
Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Wenn Apotheke im Ortsbild zur Funktion unter anderen wird, verliert sie nicht nur Präsenz, sondern den Anspruch auf Unverwechselbarkeit, und genau das macht spätere Grenzverschiebungen politisch leichter. Was heute als pragmatische Hilfe beginnt, kann morgen als Argument dienen, Versorgung über Geräte und Lieferketten zu definieren, während Verantwortung, Beratung und Bindung unsichtbar werden.
SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@aporisk.de
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Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.
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