OTC-Exodus im Handel, Apotheke als Sicherheitsanker, Apothekenpflicht wird zur Gewohnheitsfrage.
Dass in einer MDR-Sendung die Vision ausgebreitet werden kann, apothekenpflichtige Arzneimittel könnten eines Tages im Supermarkt landen, ist weniger eine konkrete Ankündigung als ein Zeichen dafür, wie sehr sich das Koordinatensystem verschiebt. Die Aussage lebt nicht von Paragrafen, sondern von einem Gefühl: Wenn sich Sortimente annähern und der Kauf immer bequemer wird, wirkt es für viele nur noch wie eine Frage der nächsten Vertriebsfläche. Genau darin liegt das Risiko, weil die Apotheke nicht bloß ein weiterer Ort des Zugriffs ist, sondern die Stelle, an der Arzneimittelgebrauch in Verantwortung übersetzt wird.
Der Handelsexperte beschreibt eine Annäherung zwischen Apotheken und Drogerien, die im Alltag längst sichtbar ist. Gesundheitsprodukte, Kosmetik, Nahrungsergänzung, medizinische Hilfsmittel – vieles wirkt im Regal ähnlich, und wer nur über Verpackungen und Preisetiketten entscheidet, kann den Unterschied zwischen Ware und Heilberufsleistung leicht übersehen. Wenn dann noch ein Angebot für „Gesundheitsprodukte“ im Lebensmittelhandel fehlt, erscheint der nächste Schritt in dieser Logik fast zwangsläufig: Was heute in Drogerie-Online-Shops bestellt wird, könnte morgen beim Wocheneinkauf mitgenommen werden. Die entscheidenden Fragen bleiben dabei auffällig unberührt, und gerade das macht die Vision so gefährlich.
Denn für die Kundinnen und Kunden ist nicht die Frage zentral, ob ein Produkt apothekenpflichtig heißt, sondern ob es sicher angewendet wird. Genau hier beginnt die Grenze, die sich nicht durch Sortiment abbilden lässt. OTC ist nicht automatisch harmlos, sondern nur anders reguliert. Wechselwirkungen, Fehlanwendungen, Überdosierungen, doppelte Wirkstoffe in verschiedenen Präparaten, Risiken bei Kindern, bei Älteren, bei chronisch Kranken – all das verschwindet nicht, nur weil ein Produkt ohne Rezept abgegeben werden darf. Wenn Beratung nicht mehr als Standardbedingung mitschwingt, wird aus dem Arzneimittel schleichend ein Konsumgut, und aus dem Konsumgut wird ein Risiko, das im System später wieder auftaucht, nur an anderer Stelle.
Genau deshalb hat Deutschland die Apothekenpflicht für OTC-Arzneimittel nicht als Traditionsritual, sondern als Schutzarchitektur. Sie setzt nicht darauf, dass Menschen alles falsch machen, sondern darauf, dass bei Arzneimitteln schon kleine Fehlentscheidungen eine große Wirkung haben können. Wer diese Schutzarchitektur in den Hintergrund rücken lässt, weil „es ja nur OTC ist“, öffnet eine Tür, die sich später kaum wieder schließen lässt. Besonders brisant ist, dass diese Entgrenzung nicht erst mit einem Supermarktregal beginnt, sondern bereits durch EU-Versender und durch Online-Shops großer Ketten vorangetrieben wird. Der Kaufakt fühlt sich immer weniger wie Versorgung an, sondern wie normaler Versandhandel, und damit verändert sich auch die Erwartung: schnell, günstig, ohne Gespräch, ohne Reibung.
Hier liegt die stille Mechanik: Wenn die Nutzung bequem wird, wird sie normal. Wenn sie normal wird, wirkt sie legitim. Und wenn sie legitim wirkt, verschiebt sich der politische Diskurs, weil das, was Menschen ohnehin tun, später als „Realität“ verkauft werden kann, an die sich Regeln eben anzupassen hätten. So entsteht aus einer Vision eine Gewohnheitsfrage. Die Apotheke verliert dann nicht in einem Schlag ihre Rolle, sondern sie verliert sie in kleinen Schritten, weil die Funktion der Einordnung und der Sicherheitsprüfung nicht mehr als unersetzlich wahrgenommen wird.
Das Rohmaterial selbst markiert dabei eine auffällige Leerstelle: Der Experte lässt offen, ob und wie Kundinnen und Kunden profitieren würden, und ob Apotheken den Abfluss von OTC-Verkäufen in Drogerien und Supermärkte durch pharmazeutische Dienstleistungen kompensieren könnten. Diese Offenheit wirkt zunächst fair, ist aber in Wahrheit der Kern der Debatte. Denn „profitieren“ meint im Arzneimittelbereich nicht zuerst Preis oder Bequemlichkeit, sondern Vermeidung von Schaden. Wenn die Frage nach dem Nutzen nicht beantwortet wird, bleibt nur der Vorteil der Vertriebslogik übrig, und der ist aus Sicht des Handels klar. Aus Sicht der Versorgung ist er es nicht.
An dieser Stelle beginnt die zweite Erzählschleife, weil der Blick von der Supermarktvision zurück in den Alltag der Apotheke kippt. Die Apotheke ist nicht nur Abgabestelle, sondern Übersetzungsstelle: Verordnung und Anwendung, Symptom und Risiko, Wunsch und Grenze. In dem Moment, in dem OTC wie ein gewöhnliches Produkt behandelt wird, wird diese Übersetzung unsichtbar. Die Folgen sind nicht spektakulär, sondern zäh. Mehr Fehlanwendungen landen später in Arztpraxen und Notaufnahmen, mehr Nachfragen entstehen dort, wo eigentlich Prävention durch Beratung möglich gewesen wäre, und mehr Unsicherheit verteilt sich über das System, weil niemand im Kaufmoment die Verantwortung gebündelt hat.
Gleichzeitig entsteht eine zweite Nebenfolge, die im Rohmaterial bereits anklingt, auch wenn sie nicht ausformuliert wird: Wenn eine reine OTC-Logik sich in den Handel verlagert, bleibt der Apotheke zwar theoretisch die Möglichkeit, über Dienstleistungen zu kompensieren, praktisch aber hängt das an Rahmenbedingungen, die nicht einfach herbeigeredet werden können. Dienstleistungen brauchen Zeit, Personal, Qualifikation und Vergütung. Wenn das nicht trägt, wird „Kompensation“ zum Wort, das gut klingt, aber den Betrieb nicht stabilisiert. Dann werden aus sinkenden OTC-Erträgen nicht nur weniger Einnahmen, sondern weniger Spielraum für Beratung, Fortbildung, Personalbindung und Investition. Die Spirale ist nicht sofort sichtbar, aber sie ist real.
Die MDR-Vision ist deshalb auch ein Spiegel dafür, wie die Bundesregierung auf diese Entwicklung blickt. Nicht, weil die Bundesregierung jeden Fernsehbeitrag kommentieren müsste, sondern weil es um den Grundsatz geht, ob Arzneimittelversorgung weiterhin als Sicherheitsarchitektur verstanden wird oder als Logistikproblem, das man mit zusätzlichen Vertriebswegen „modernisieren“ könne. Wenn die politische Einordnung ausbleibt, entsteht Raum für das, was am stärksten wächst: Gewohnheit. Und Gewohnheit ist im Gesundheitsbereich ein schlechter Gesetzgeber, weil sie Komfort belohnt, nicht Sicherheit.
Zurück am Anfang zeigt sich, wie schnell sich eine Debatte verschiebt, wenn man sie nur im Bild des Marktes führt. „Annäherung im Sortiment“ klingt harmlos. „Gesundheitsprodukte im Lebensmittelhandel“ klingt modern. Aber Arzneimittel sind kein normales Sortiment, und Versorgung ist kein normaler Markt. Die Apothekenpflicht ist nicht Dekoration, sondern eine Grenze, die das System vor vermeidbaren Schäden schützt. Wer sie erst dann verteidigt, wenn der Supermarkt bereits als „logischer Schritt“ gilt, verteidigt nicht mehr Ordnung, sondern nur noch Erinnerung.
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