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  • 21.01.2026 – Glaubwürdigkeit als Wettbewerbsfaktor, Verteilung frisst Wachstum, Systemlast bleibt vor Ort.
    21.01.2026 – Glaubwürdigkeit als Wettbewerbsfaktor, Verteilung frisst Wachstum, Systemlast bleibt vor Ort.
    APOTHEKE | Systemblick - Kommentar von heute | Eine systemische Einordnung zu Apothekenstruktur, Marktlogik und Regulierung zeigt anhand aktueller Fälle, wie Entlastungsvers...

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ApoRisk® Nachrichten - APOTHEKE:


APOTHEKE | Systemblick - Kommentar von heute

Glaubwürdigkeit als Wettbewerbsfaktor, Verteilung frisst Wachstum, Systemlast bleibt vor Ort

 

Ausgabe Nr. 168 | Glaubwürdigkeit als Wettbewerbsfaktor, Verteilung frisst Wachstum, Systemlast bleibt vor Ort.

Stand: Mittwoch, 21. Januar 2026, um 21:39 Uhr

Apotheken-News: Kommentar von heute

Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über den geplanten Versorgungszuschlag, die Verhandlungslösung im SGB V und die Verschiebung von Verantwortung im Versorgungssystem.

Meine These ist klar: Die aktuelle Reform- und Markterzählung verschiebt Verantwortung weg von konkreten Personen und klaren Grenzen hin zu Plattform- und Strukturversprechen – und genau dort wird Versorgung fragiler, nicht stärker.

Der Satz „12.000 Apotheken reichen für Deutschland“ klingt wie eine nüchterne Zahl, ist aber ein Ordnungsentwurf. In der Stimme von Gerben Klein Nulent ist er zugleich ein persönliches Geständnis: Präsenzpflicht als „Gefängnis-Gefühl“, die Selbstständigkeit als Dauerbindung, die nicht nur wirtschaftlich, sondern psychologisch zermürbt. Wer das so erlebt, sucht nicht zuerst eine bessere Vergütung, sondern einen Ausweg aus der permanenten Zuständigkeit. Ketten werden dann nicht als Machtmodell gesehen, sondern als Entlastungsversprechen.

Nur: Entlastung ist im Versorgungssystem nie neutral. In Deutschland ist das Fremdbesitzverbot nicht bloß Tradition, sondern ein Haftungsanker, der Verantwortung sichtbar und zurechenbar hält. Klein Nulent argumentiert aus der Erfahrung eines Marktes, in dem ein Drittel der Betriebe Ketten zugeordnet ist und in dem Apothekerinnen und Apotheker vertraglich eingebunden mitentscheiden können, ohne die volle Last zu tragen. Er verweist auf seine Rolle beim Aufbau von Mediq, auf über 220 Apotheken, auf die Umfirmierung nach 2016 in Benu. Diese Biografie ist eine Art Beweisangebot: Es geht auch anders. Doch das Argument unterschlägt die Schattenseite: Wenn Verantwortung vertraglich verteilt wird, entsteht eine neue Frage, die schwerer zu beantworten ist als die Präsenzpflicht – wer steht gerade, wenn es schiefgeht, und wer trägt die Konsequenz jenseits von Zuständigkeiten auf dem Papier?

Während diese Grundsatzdebatte in die Tagespraxis drückt, rahmt die Politik auf internationaler Bühne Gesundheit als Investition in Wohlstand, Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit. In Davos spricht Nina Warken über demografischen Wandel, Fachkräftemangel, geopolitischen Druck, Reformtempo in Primär- und Notfallversorgung, Krisenvorbereitung. Das wirkt groß, plausibel, anschlussfähig. Aber je größer die Begriffe, desto leichter wird Verantwortung zur beweglichen Größe: Resilienz kann alles bedeuten, Effizienz kann zu jedem Umbau passen, Wettbewerbsfähigkeit kann jede Priorität rechtfertigen. Die entscheidende Prüfung liegt nicht im Podium, sondern darin, ob die angekündigten Reformen Zuständigkeit schärfen oder weiter verwischen.

Wie schnell Verwischung gefährlich wird, zeigt das Vorgehen der Apothekerkammer Nordrhein vor dem Landgericht Hamburg. Wenn medizinisches Cannabis wie ein Konsumprodukt präsentiert wird, mit Sorten, Preisen, Wirkhinweisen, sogar mit dem Anschein, es lasse sich über eine Lieferplattform wie ein Alltagsgut bestellen, dann kippt die Schutzlogik. Das Gericht zieht die Linie gegen telemedizinische Modelle ohne unmittelbaren persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt und gegen eine Inszenierung, die Behandlung und Abgabe banalisiert. In der Sprache der Beteiligten steckt ein gemeinsamer Kern: Telemedizin ersetzt weder ärztliche Verantwortung noch pharmazeutische Sorgfalt. Das ist kein nostalgischer Satz, sondern ein Ordnungsprinzip – Versorgung ist kein reiner Prozessfluss, sie lebt von bewusst gesetzten Reibungen.

Diese Reibung taucht auch in einem ganz anderen Feld auf: Arbeitskampf und Sozialplan. Bei Aristo, konkret bei der Tochter Advance Pharma, wird nach Warnstreiks eine Lösung in der Einigungsstelle zu Interessenausgleich und Sozialplan erreicht, während zugleich die Betriebsstilllegung geordnet nach gesetzlichen Vorgaben laufen soll. Rund 250 Arbeitsplätze stehen im Raum. Auch hier ist das Thema nicht allein die Entscheidung zur Schließung, sondern die Art, wie Last verteilt wird, wenn Entscheidungen nicht mehr zurückgenommen werden. „Niemand darf ins Bergfreie fallen“ ist weniger ein Appell als ein Prüfstein: Wie ernst ist soziale Verantwortung, wenn ökonomische Strukturentscheidungen vollzogen werden?

Dann kommen die Meldungen, die scheinbar „nur“ medizinisch-technisch sind, in Wahrheit aber das gleiche Prinzip testen: Grenzen, Zuständigkeit, Konsequenzen. Bei Remsima ist es der Wechsel der Darreichungsform, der aus Routine ein Risiko machen kann. Das neue intravenöse flüssige Konzentrat enthält Sorbitol; bei hereditärer Fruktoseintoleranz können bereits kleinste Mengen lebensgefährlich werden. Die Materialangabe ist konkret: 45 mg Sorbitol pro 1 ml. Hier entscheidet nicht die große Strategie, sondern die Fähigkeit, sauber zu unterscheiden – welche Formulierung ist kontraindiziert, welche Pulvervariante bleibt ohne Sorbitol, welche subkutane Anwendung ist anders zu bewerten. Versorgung ist hier Präzision unter Zeitdruck, und Verantwortung bedeutet, die gefährliche Vereinfachung zu verhindern.

Ein ähnliches Muster liegt bei Atemwegsinfekten. Wenn rund 90 Prozent der akuten Infekte viral bedingt sind, ist Antibiotikaeinsatz in unkomplizierten Fällen nicht angezeigt; Leitlinien betonen Zurückhaltung und „Watchful Waiting“. Das klingt einfach, ist aber in der Praxis eine Kunst: Nicht in Aktivismus zu verfallen, aber auch nicht in Gleichgültigkeit. Symptomatische Therapie kann sinnvoll sein, etwa mit ätherischen Salben, doch die Beratung muss zugleich Kontraindikationen und Risiken klar halten, gerade bei Säuglingen und Kleinkindern, bei Asthma oder Keuchhusten. Verantwortung besteht hier darin, dem Reflex „etwas Starkes geben“ zu widerstehen, ohne den Wunsch nach Linderung zu entwerten.

Und schließlich die Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen: Auch sie sind kein Randthema, sondern eine Systemlast im Kleinen. Schlaf folgt anderen biologischen Regeln als bei Erwachsenen; Melatoninfreisetzung ist empfindlich gegenüber Licht, späten Aktivitäten und Unregelmäßigkeit. Das Material verweist auf die Bedeutung von Routinen, Schlafhygiene, Reizreduktion, und auf die Schwelle, an der Selbstmedikation nicht mehr reicht. Melatonin wird als Werkzeug beschrieben, das altersgerecht dosiert und zeitlich eingegrenzt sein muss, mit klaren Indikationen. Der Kern ist erneut derselbe: Wer Ordnung verspricht, muss Grenzen liefern – nicht als Moral, sondern als Schutz.

Das Gegenargument liegt nah und verdient Ernst: Größere Einheiten könnten tatsächlich stabiler sein, mehr Personal bündeln, neue Dienstleistungen stemmen, Lieferengpässe besser puffern, Abwesenheiten leichter kompensieren. Kettenstrukturen könnten jungen Pharmazeutinnen und Pharmazeuten den Einstieg erleichtern, weil nicht jede Entscheidung als existenzielle Haftung empfunden wird. Auch Telemedizin kann Versorgungslücken schließen, wenn sie verantwortungsvoll eingebettet ist. Wer das pauschal abwehrt, verwechselt Schutz mit Stillstand.

Nur dreht sich die entscheidende Frage nicht um Fortschritt gegen Vergangenheit, sondern um die Mechanik: Je stärker Versorgung als skalierbares Modell erzählt wird, desto größer wird die Versuchung, Verantwortung als austauschbare Funktion zu behandeln. Das sieht man im Kettennarrativ, das Präsenzpflicht als Gefängnis deutet, aber die Haftungsqualität der Person nur als Last liest. Man sieht es in Plattform-Ästhetiken, die Arzneimittelversorgung in Bestelllogik überführen. Man sieht es in politischen Großrahmen, die viel versprechen und dann im Detail riskieren, Zuständigkeiten zu verteilen, bis niemand mehr greifbar ist. Die Kausalkette ist schlicht: Verdünnte Verantwortung senkt Reibung, sinkende Reibung erhöht Tempo, höheres Tempo erzeugt neue Fehlerformen, und wenn Fehlerformen auftreten, fehlt die klare Adresse, die sie stoppt.

Hier lohnt die Rückkehr zur Anfangsszene, zu diesem „Gefängnis-Gefühl“. Es ist nicht falsch, dass Selbstständigkeit in der heutigen Lage als Käfig erlebt werden kann, wenn Fixumdebatten, Personalengpässe, Bürokratie und Wettbewerbsdruck zusammenkommen. Aber wenn die Antwort darauf lautet, Verantwortung zu entkoppeln, wird der Käfig nicht geöffnet, sondern nur verlagert: Dann wird aus persönlicher Last eine systemische Unschärfe, die sich bei Krisen, Warnhinweisen, Grenzfällen und Fehlanreizen rächt. Das System kann Entlastung brauchen, ja – nur muss Entlastung so gebaut sein, dass Verantwortung nicht verschwindet, sondern neu, klar und überprüfbar verortet wird.

In diesem Tagesbild wirken die acht Themen wie unterschiedliche Schauplätze derselben Auseinandersetzung. Die Zahl 12.000, der Davos-Rahmen, das Cannabis-Urteil, der Sozialplan, die Sorbitol-Warnung, die Antibiotika-Zurückhaltung, die Beratung zu ätherischen Ölen, der Melatonin-Einsatz – alles dreht sich um die Frage, ob Schutz und Zuständigkeit zusammenbleiben, wenn Systeme schneller, größer und digitaler werden. Wenn diese Kopplung gelingt, entsteht tatsächlich Stabilität. Wenn sie misslingt, wächst die Last dort, wo sie ohnehin bleibt: im konkreten Umgang mit Risiko, Entscheidung und Verantwortung vor Ort. 

An dieser Stelle fügt sich das Bild.

Wenn Reform, Markt und Digitalisierung gleichzeitig versprechen, alles werde einfacher, wird der Prüfpunkt kleiner, aber schärfer: Bleibt Verantwortung sichtbar, oder wird sie nur verteilt. Genau hier entscheidet sich, ob Versorgung stabiler wird oder nur schneller aussieht. Denn sobald Zuständigkeit zur Option wird, kippt Schutzlogik in Prozesslogik – und aus dem Versprechen von Entlastung wird im Alltag eine neue Form von Unklarheit, die erst dann auffällt, wenn etwas schiefgeht.

Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt.
Die heutige Debatte ist deshalb weniger ein Streit über Zahlen, Ketten oder Plattformen als eine Frage der Ordnung: Wer darf entlastet werden, ohne dass Verantwortung verdunstet. Fortschritt ist möglich, auch größere Strukturen können tragen, aber nur dann, wenn sie die Adresse der Verantwortung nicht verbergen, sondern präziser machen. Wo das gelingt, wird Versorgung tatsächlich robuster; wo es misslingt, landet die Systemlast wieder dort, wo sie nie weg war: im konkreten Entscheiden, Abgrenzen und Haftbarbleiben vor Ort.
 
 

SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@aporisk.de
Autorenseite öffnen

Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.

 

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