Shop Apotheke mit Fernsehpräsenz und Promi-Werbung, Rx-Wachstum verliert an Boden, Non-Rx stagniert trotz Bonusrabattaufwand und Jauch
Shop Apotheke steht seit Jahren für die Erzählung, dass Reichweite und Skalierung im Versandhandel zwangsläufig zu einem Durchmarsch im Rx-Geschäft führen. Genau diese Erzählung bekommt Risse, wenn die Wachstumskurve im verschreibungspflichtigen Bereich sichtbar abflacht, obwohl mit Rezeptbonus und TV-Prominenz maximale Aufmerksamkeit eingekauft wird. Der Werbedruck wirkt dann nicht wie Beschleuniger, sondern wie ein teurer Versuch, eine Grenze zu verschieben, die strukturell gezogen ist. Seit der breiten Einführung des E-Rezepts 2024 ist der Markt zudem anders getaktet, weil digitale Einlösepunkte zwar neue Wege öffnen, aber auch neue Reibungen schaffen. Wer im Rx nicht mehr „Terrain gewinnt“, hat nicht automatisch falsch gearbeitet, aber er trifft auf eine Mechanik, die nicht allein durch Kampagnen zu knacken ist.
Im Rx-Bereich ist die Frage weniger, ob Menschen grundsätzlich online bestellen, sondern welche Anlässe tatsächlich in einen Versandkanal wandern. Chronische Therapien und Wiederholungsrezepte sind prinzipiell prädestiniert, gleichzeitig hängen sie an Gewohnheiten, an Lieferzuverlässigkeit und an der Möglichkeit, Probleme sofort zu klären. Jede Störung in der Kette – Rückfragen, Austausch, Lieferabriss – schlägt im Rx härter durch als im Non-Rx, weil die medizinische Notwendigkeit weniger Spielraum für Improvisation lässt. Wenn ein Anbieter deshalb über Boni, Rabatte oder Promi-Präsenz versucht, diese Schwelle zu senken, kann das kurzfristig Volumen bewegen, aber nicht automatisch Bindung schaffen. Genau hier liegt das Risiko: Marketingkosten steigen, während der Zugewinn im Rx nicht im gleichen Verhältnis mitwächst.
Hinzu kommt, dass Rx im Versandhandel nicht nur Akquise ist, sondern auch Prozessqualität in der Fläche. Rezeptannahme, Verfügbarkeit, pharmazeutische Klärung, Lieferzeit und Reklamationshandling müssen nicht „gut“ sein, sondern konstant, weil die Erwartungshaltung im Rx weniger tolerant ist. Jede Verzögerung hat einen anderen Klang als bei Kosmetik oder OTC, selbst wenn sie objektiv klein ist. Wer dann mit TV-Spots und einem bekannten Gesicht wie Jauch arbeitet, erhöht die Fallhöhe: Die Marke verspricht Verlässlichkeit, die Logistik muss sie im Einzelfall einlösen. Wenn die Wachstumskurve trotzdem flacht, entsteht ein Spannungsfeld zwischen Außenbild und Innenleistung. Das ist kein PR-Problem, sondern ein Kosten- und Vertrauensproblem.
Dass es im Non-Rx „nicht viel besser“ aussieht, passt in dieses Bild, weil dort der Wettbewerb noch unmittelbarer über Preis, Sortiment und Lieferkomfort läuft. Drogerien, Plattformen und klassische Onlinehändler drücken auf Marge und Sichtbarkeit, während Versandapotheken zugleich das eigene Profil schärfen müssen, um nicht austauschbar zu werden. Rabatte können Nachfrage ziehen, aber sie ziehen auch den Fokus weg von Beratung, Bindung und Wiederkaufgründen, weil der Preis zum Hauptargument wird. Je stärker Non-Rx über Aktionen gespielt wird, desto eher entsteht ein Volumen, das teuer erkauft ist und schnell weiterzieht. In so einem Umfeld ist „Stagnation“ weniger ein Ausrutscher als ein Hinweis auf Marktreife. Die Frage wird dann strategisch: Welche Teile des Non-Rx-Geschäfts sind noch wachstumsfähig, ohne dass der Werbeaufwand das Ergebnis auffrisst?
Für Apotheken vor Ort ist die Beobachtung doppelt interessant, weil sie einen Mythos relativiert, der oft als Drohkulisse mitschwingt. Wenn selbst mit hoher Reichweite und Promi-Inszenierung der Rx-Durchgriff nicht beliebig skalierbar ist, rückt die Bedeutung von Versorgung, Verfügbarkeit und unmittelbarer Klärung wieder ins Zentrum. Das entlastet die Lage nicht automatisch, weil der Strukturwandel im Markt bleibt, aber es verschiebt die Maßstäbe: Entscheidend ist nicht nur, wer am lautesten wirbt, sondern wer verlässlich liefert und Probleme löst. Genau dort liegt die Differenz zwischen Kampagne und Versorgungsrealität. Und genau dort zeigt sich, warum ein flacher werdendes Wachstum trotz Bonus und TV nicht nur ein Zahlenbild ist, sondern ein Hinweis auf die Grenzen eines Modells.
Stromausfall im Wohnviertel, Sicherheitsmeldung aus der Apotheke, Inhaberin zwischen nächtlicher Frühalarmprüfung und Betriebsverantwortung
Als in der Wohnung von Dr. Petra Schneider am Samstag plötzlich alles dunkel wurde, wirkte es zunächst wie ein gewöhnlicher Stromausfall. Der Blick aus dem Fenster kippte diese Annahme, weil im ganzen Straßenzug auch die Weihnachtsbeleuchtung ausblieb und damit klar war, dass es nicht nur die eigene Sicherung war. Kurz darauf kam auf dem Handy eine Meldung des Dienstleisters, der das Sicherheitssystem der Apotheke betreut. Genannt war eine Stromunterbrechung gegen halb sechs Uhr morgens, also zu einer Zeit, in der viele Betriebe unbesetzt sind und Automatismen besonders stark auf „Störung“ reagieren. In diesem Moment beginnt die eigentliche Realität: Nicht die Dunkelheit ist das Problem, sondern die Frage, was in den Minuten danach aus einem technischen Ereignis werden kann.
Ein Stromausfall ist selten nur „kein Licht“, sondern ein Kaskadenereignis, weil Sicherheit, Kühlung, IT und Gebäudehülle aneinanderhängen. Wenn Alarmanlagen, Videoaufzeichnung, Türkontakte oder Fernaufschaltungen auf Notstrom oder Puffer angewiesen sind, entscheidet die Auslegung des Systems darüber, ob eine Unterbrechung als Risiko erkannt oder als Routine abgefedert wird. Gleichzeitig kann ein großflächiger Ausfall Täter anziehen, weil Straßen, Eingänge und Nachbarschaft unübersichtlicher werden. Für die Inhaberin heißt das: Die Meldung ist kein abstrakter Hinweis, sondern ein möglicher Startpunkt für Einbruch, Sabotage oder schlicht Folgeschäden durch technische Ausfälle. Wer dann „sofort nach dem Rechten sieht“, handelt weniger aus Dramatisierung als aus Erfahrung, dass in einer Apotheke die Schadenssumme nicht erst durch den Einbruch entsteht, sondern durch das Zusammenspiel aus Zeitverlust, Stillstand und Folgeschäden.
Die Anfahrt selbst ist Teil des Risikos, weil sie zeigt, wie sehr Verantwortung in solchen Lagen an einer Person hängt. Zwischen Meldung und Eintreffen entsteht ein Fenster, in dem Entscheidungen fehlen: Wird die Polizei informiert, wird der Dienstleister zurückgerufen, ist eine zweite Person erreichbar, ist der Zustand der Türen und der Außenhülle überhaupt prüfbar. Hier zeigt sich, wie wertvoll klare Zuständigkeiten sind, ohne dass daraus ein „Ratgeberton“ werden muss. In der Praxis ist oft nicht die Technik das schwächste Glied, sondern die Unschärfe, wer wann was tut, wenn mehrere Signale gleichzeitig eintreffen. Ein Stromausfall im Wohnviertel ist ein Ereignis ohne Täter, aber die Apotheke ist ein Ort, an dem ein Ereignis ohne Täter sehr schnell ein Ereignis mit Täter werden kann.
Auch wenn am Ende „nichts passiert“ ist, bleibt der Vorfall als Prüfstein für die Betriebsverantwortung bestehen. Kühlketten können je nach Dauer der Unterbrechung kritisch werden, weil Kühlschränke, Datenlogger oder Temperaturalarme unterschiedlich reagieren und Dokumentation nicht automatisch „mitläuft“, wenn die Infrastruktur steht. Kassensysteme, Router, TI-Komponenten oder Server können nach einem harten Neustart Auffälligkeiten zeigen, die erst im Betrieb sichtbar werden, wenn wieder Last auf dem System ist. Zudem ist die Wahrnehmung im Team wichtig: Ein Alarm am frühen Morgen verändert das Sicherheitsgefühl und kann, wenn solche Ereignisse häufiger auftreten, zu einer stillen Daueranspannung führen. Genau deshalb ist die Grenze zwischen „einmaliger Ausnahme“ und „wiederkehrendem Muster“ so relevant, weil sich daraus ein anderes Sicherheits- und Organisationsniveau ableitet.
Was an dieser Geschichte hängen bleibt, ist weniger das Dramatische als die Mechanik: Ein neutrales Ereignis setzt eine Verantwortungsprüfung in Gang. Der Strom kommt wieder, die Straße leuchtet erneut, und trotzdem ist die Lage nicht einfach „erledigt“, weil die Frage nach der Widerstandsfähigkeit des Betriebs offen bleibt. Die Meldung des Sicherheitssystems ist dabei ein harter Anker, weil sie Zeit, Ursache und Handlungsdruck zugleich markiert. Für Apotheken ist das eine stille Alltagserkenntnis: Versorgung hängt nicht nur an pharmazeutischen Prozessen, sondern an Strom, Zutritt, Kommunikation und dem kleinen Zeitfenster zwischen Störung und Reaktion. Und genau in diesem Fenster entscheidet sich, ob ein Vorfall eine Fußnote bleibt oder zum Schaden wird.
Securpharm-Wartungsfenster im Januar, nächtliche Ausfälle treffen Notdienst, Pufferlogik entscheidet über Handlungsdruck
Wenn ein System wie Securpharm in zwei Nächten nicht erreichbar ist, klingt das zunächst nach einem technischen Hinweis, fast nach Routine. Für Notdienstbetriebe ist es jedoch ein Ereignis, das nicht in Bürozeiten fällt, sondern genau in die Phase, in der Prozesse ohnehin fragiler sind. Angekündigt sind Wartungsarbeiten am Donnerstag, 8. Januar, von 22 bis 24 Uhr sowie in der Folgewoche am Freitag, 16. Januar, ab 22 Uhr bis Samstag, 17. Januar, 6 Uhr morgens. Das sind Zeiträume, in denen die Offizin oft mit Minimalbesetzung arbeitet und in denen Rückfragen an Dritte schwerer zu klären sind. Technische Abhängigkeit wird dann sichtbar, weil aus einer Abfrage ein Stopp werden kann.
Die technische Rückmeldung SP-901 („System not available“) ist mehr als ein Fehlercode. Sie markiert die Grenze zwischen einem digitalen Sicherheitsnetz und einem Betrieb, der in diesem Moment auf eigene Verfahren zurückfällt. Das kann funktionieren, aber es hängt an der Warenwirtschaft. Wer Pufferfunktionen hat, kann Anfragen zwischenspeichern und später automatisch nachsenden; wer sie nicht hat, steht vor einer unkomfortablen Alternative, die manuell gelöst werden muss. Genau in dieser Differenz entsteht der Stress: nicht, weil die Wartung überraschend wäre, sondern weil die Systemlandschaft in Apotheken nicht homogen ist. Ein Betrieb mit sauberer Pufferlogik erlebt das Ereignis als Einschränkung, ein Betrieb ohne Puffer erlebt es als operative Unterbrechung.
Dass mehrere Kammern informieren, zeigt zugleich, wie stark die Kommunikation in solchen Fällen als Sicherheitsmaßnahme fungiert. Der Hinweis, dass der Schutzmechanismus SP-901 möglicherweise vor Ende des angekündigten Zeitfensters abgeschaltet wird, sobald „grünes Licht“ vom Betreiber vorliegt, klingt wie Entwarnung, erzeugt aber auch eine Unsicherheit. Man kann nicht sicher planen, ob das Fenster exakt so lang dauert wie angekündigt. Für die Praxis heißt das: Das Ereignis hat einen Start, aber kein garantiert scharfes Ende. Wer im Notdienst arbeitet, spürt solche Unschärfen als zusätzliche Last, weil jede Abgabeentscheidung unter dem Eindruck getroffen wird, dass „gleich wieder alles gehen könnte“ oder eben nicht.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht Technik, sondern Resilienz. Wie gut ist der Betrieb darauf vorbereitet, dass ein Kernsystem kurz weg ist, ohne dass daraus ein Kettenfehler wird? Gerade weil Securpharm als Sicherheitsinstrument in den Alltag integriert ist, sind Ausfälle nicht nur IT-Thema, sondern Arbeitsfluss-Thema. Im Notdienst treffen sie auf eine Situation, in der die Toleranz für Umwege gering ist, weil Patienten Druck haben und Teams begrenzt sind. In diesem Moment entscheidet nicht der Betreiber, sondern die lokale Prozessqualität darüber, ob aus Wartung eine Krise wird.
TI-Frist für Heil- und Hilfsmittel, Verschiebung auf 1. Oktober 2027, Branche zwischen Nutzenfrage und Geschäftsgrundlage
Die Verschiebung der TI-Anbindungsfrist für Heil- und Hilfsmittelerbringer auf den 1. Oktober 2027 wirkt wie ein technischer Aufschub, ist aber ein politischer Eingriff in Planungssicherheit. Ursprünglich sollte die verpflichtende Einbindung zum Start dieses Jahres greifen, nun wird sie mit dem BEEP-Gesetz verschoben. Genannt wird als Grund der Aufschub bei den elektronischen Heil- und Hilfsmittelverordnungen. Betroffen sind rund 90.000 Leistungserbringer, darunter Praxen und Sanitätshäuser, aber auch Berufsgruppen, die stark über Dokumentation und Abrechnung funktionieren. Sobald eine Frist fällt, verschiebt sich nicht nur ein Datum, sondern die wirtschaftliche Kalkulation auf mehreren Ebenen.
Für IT-Dienstleister ist die Verschiebung ein direkter Umsatz- und Strategiepunkt. Wenn beispielsweise Cherry mit Erstausstattungen für 2026 gerechnet hatte, fällt ein Teil dieses erwarteten Geschäfts weg. In der Sprache der Unternehmen wird dann schnell von „verbindlicher Geschäftsgrundlage“ gesprochen, weil Investitionen und Vorleistungen an die politische Zusage einer Pflicht gekoppelt waren. Dass Cherry parallel auf Ersatzgeschäft bei bereits angebundenen Berufsgruppen verweist, zeigt die sekundäre Mechanik: Was in einer Gruppe verschoben wird, erhöht den Vermarktungsdruck in einer anderen. Das ist keine moralische Frage, sondern Marktlogik, aber sie trifft auf ein System, in dem politische Planung als Infrastrukturversprechen gilt. Wenn das Versprechen wackelt, wackeln Budgets.
Auf der anderen Seite steht der Blick der Leistungserbringer, die den Mehrwert der TI-Anwendungen im Praxisalltag häufig als gering beschreiben. KIM und TIM werden genannt, zugleich wird Aufwand und laufende Kosten betont. Dazu kommt die Reibung bei der Beantragung elektronischer Heilberufsausweise. Wenn eine Pflicht eingeführt wird, bevor die Prozesse rund laufen, entsteht Widerstand, nicht unbedingt gegen Digitalisierung, sondern gegen die Reihenfolge. In diesem Licht wirkt der Aufschub wie ein Eingeständnis, dass die technische und organisatorische Reife nicht dem politischen Zeitplan folgt.
Der Konflikt bleibt, weil sich Nutzen und Pflicht nicht automatisch decken. Ein freiwilliger Anschluss kann in einzelnen Fällen sinnvoll sein, aber er konkurriert mit knappen Ressourcen, vor allem bei kleineren Betrieben. Wer früh anschließt, trägt zunächst Kosten und Lernkurven, wer später anschließt, nimmt den späten Druck in Kauf. Der Aufschub verschiebt dieses Dilemma, löst es aber nicht. Er verändert nur, wer welchen Preis wann bezahlt. Für das Gesundheitswesen ist es deshalb ein Lehrstück darüber, dass Digitalisierung nicht allein über Fristen funktioniert, sondern über einen spürbaren Mehrwert, der die Akzeptanz trägt.
CSU-Klausur in Seeon, Präventionsstrategie im Entwurf, Landärzte im Fokus, Apotheken bleiben in der Erzählung außen vor
Wenn eine Partei auf Klausurtagung ihre Ziele formuliert, ist das zunächst Politikprosa. Interessant wird es, wenn ein Entwurf bereits kursiert und damit erkennbar wird, welche Themen im Jahr 2026 als Priorität gesetzt werden sollen. In Seeon sollen neben klassischen Bereichen wie Verteidigung und Steuern auch gesundheitspolitische Punkte auftauchen. Genannt wird eine „klare Strategie“ für Prävention, mehr Aufmerksamkeit für Frauengesundheit und Maßnahmen zur Gewinnung von Landärzten. Das klingt nach Systemdenken, nach langfristiger Steuerung und nach dem Versuch, Versorgung nicht nur als Reparaturbetrieb zu sehen. Gleichzeitig entsteht die Leerstelle, wenn ein naheliegender Versorgungsakteur nicht vorkommt: Apotheken spielen in diesem Entwurf offenbar keine Rolle.
Die Abwesenheit ist nicht nur eine Kränkung, sie ist eine Strukturinformation. Wer Prävention stärken will, braucht Orte, an denen Prävention im Alltag überhaupt sichtbar werden kann. Praxen sind wichtig, aber sie sind nicht überall verfügbar, und sie werden in der Regel dann aufgesucht, wenn ein Anlass besteht. Prävention lebt dagegen von niederschwelligen Kontaktpunkten. Wenn Apotheken in so einem Papier nicht auftauchen, sagt das etwas über das mentale Modell der Politik: Prävention wird als ärztlich und staatlich gedacht, weniger als Versorgung im Quartier. Das kann bewusst so sein, oder es ist schlicht ein blinder Fleck. In beiden Fällen hat es Folgen.
Der Landarztfokus ist nachvollziehbar, weil regionale Versorgungslücken politisch druckvoll sind. Doch auch hier wirkt das Fehlen der Apotheken wie ein Hinweis darauf, dass Versorgung in Säulen gedacht wird, nicht als Netzwerk. Wer Landärzte fördern will, muss zugleich die Strukturen stabilisieren, die in ländlichen Regionen häufig die Versorgung mittragen. Apotheken sind nicht Ersatz für ärztliche Diagnostik, aber sie sind oft der Ort, an dem Versorgung praktisch bleibt, wenn Wege länger und Systeme dünner werden. Wenn dieses Element in der politischen Erzählung fehlt, wird die Realität im Alltag nicht automatisch schlechter, aber sie wird politisch weniger adressiert.
Der Punkt ist nicht, dass ein Entwurf schon endgültige Politik wäre. Der Punkt ist, dass sich in Entwürfen die Prioritäten und Sprachbilder zeigen. Wer dort nicht vorkommt, muss später mehr erklären, warum er relevant ist. Das ist für Apotheken eine strategische Lage: weniger eine tagespolitische Aufregung als ein Indiz, wie stark man im Präventionsdiskurs als Akteur überhaupt mitgedacht wird.
Ärztekammerpräsident Reinhardt, GKV-Druck und Strukturreformen, Kooperation mit Apotheken ja, Schnelltests nein, Rx ohne Verordnung bleibt No-Go
Wenn der Präsident der Bundesärztekammer die Lage der Gesetzlichen Krankenversicherung als Ergebnis „struktureller Probleme über viele Jahre“ beschreibt, ist das der Einstieg in eine bekannte Debatte, aber mit neuer Dringlichkeit. Entlastung in Milliardenhöhe, die Forderung nach Finanzierung versicherungsfremder Leistungen aus Steuermitteln, die Idee einer Absenkung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel auf 7 Prozent und zweckgebundene Abgaben auf Alkohol, Tabak und Zucker: Das sind Bausteine eines Ordnungsentwurfs, der kurzfristig stabilisieren und langfristig steuern will. Gleichzeitig zeigt sich ein Spannungsfeld, weil jede kurzfristige Entlastung politisch und fiskalisch hart ist, während die Strukturreformen Zeit brauchen. In dieser Kluft liegt der Reformdruck.
Reinhardt verbindet den Blick auf Krankenhauslandschaft, ambulante Steuerung und Prävention zu einem Paket. Primärärztliche Einschreibemodelle und strukturierte Ersteinschätzung sind dabei zentrale Stichworte, weil sie das System nicht nur finanzieren, sondern lenken sollen. Das ist eine Steuerungslogik, die in Deutschland immer wieder an Akzeptanzfragen scheitert, weil sie in den Alltag von Patienten und Leistungserbringern eingreift. Prävention wird als ökonomisches Potenzial beschrieben, aber auch hier bleibt es eine Frage, wie sie konkret umgesetzt wird, ohne nur auf Kampagnen zu setzen.
Für Apotheken relevant wird es an der Stelle, an der Reinhardt Kooperation grundsätzlich bejaht, aber bestimmte Kompetenzfelder klar begrenzt. Schnelltests „in der Apotheke“ sieht er nicht als sinnvoll, weil Befunde erhoben würden, deren Qualität und Interpretation er in der ärztlichen Praxis verankert. Gleichzeitig beschreibt er Arzneimitteltherapiesicherheit, Koordination pharmakologischer Therapie bei multimorbiden Patienten, Compliance-Förderung und Sensibilisierung in Gesundheits- und Suchtfragen als Felder, in denen Zusammenarbeit gut möglich sei. Hier liegt ein Muster: Kooperationsbereitschaft dort, wo Apotheken als ergänzende Struktur wirken, Ablehnung dort, wo Apotheken aus seiner Sicht diagnostische Grenzbereiche berühren.
Die schärfste Grenze zieht er bei der Abgabe verschreibungspflichtiger Arzneimittel ohne ärztliche Verordnung. Das bezeichnet er als „absolutes No-Go“. Zugleich benennt er den Sonderfall, wenn einem Patienten am Freitagnachmittag das Arzneimittel ausgeht und keine Praxis erreichbar ist. In solchen Fällen könne man in regionalen Netzwerken Absprachen treffen, das Medikament vorab geben und die Verordnung nachreichen, und man könne darüber sprechen, das zu formalisieren. Diese Passage ist interessant, weil sie zeigt, dass die Grenze im Prinzip hart bleibt, aber die Versorgungsrealität eine Ausnahme kennt, die man rechtlich sauber gestalten müsste. Genau an dieser Stelle entsteht die politische Frage, ob man Versorgungslücken als Einzelfall toleriert oder systemisch adressiert.
Dass Reinhardt zusätzlich über Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte spricht und auf Zahlen wie 66 Prozent Gewalterfahrung und 89 Prozent verbale Übergriffe verweist, erweitert das Bild. Versorgung ist nicht nur Organisation und Geld, sondern auch Arbeitsbedingungen und Schutz. Ein Gesetzentwurf mit Mindestfreiheitsstrafen von drei Monaten bei Gewalt, die die Berufsausübung behindert, und sechs Monaten bei tätlichen Angriffen zeigt, dass das Thema inzwischen strafrechtlich als Gemeinwesenfrage behandelt wird. Für Apotheken ist diese Debatte nicht fremd, weil Übergriffe in der Offizin ebenfalls zunehmen können. In der Summe ist das ein Blick auf ein System, das an mehreren Stellen gleichzeitig unter Druck steht: finanziell, organisatorisch, kulturell.
Evolutionäre Anthropologie zur Monogamie, Vollgeschwisterquoten als Indikator, Mensch zwischen Biber und Primaten
Die Frage, wie monogam der Mensch im Vergleich zu anderen Arten ist, wirkt auf den ersten Blick wie ein Feuilletonthema. Wissenschaftlich wird sie dann greifbar, wenn ein Forscher versucht, ein Maß zu finden, das über Moral und Kultur hinausgeht. Dr. Mark Dyble von der University of Cambridge nutzt dazu archäologische und ethnografische Daten und betrachtet den Anteil von Vollgeschwistern im Vergleich zu Halbgeschwistern als Hinweis auf Paarbindungsmuster. Je höher der Vollgeschwister-Anteil, desto stärker spricht es für monogame Strukturen. Untersucht werden knapp 200.000 Geschwisterpaare aus 103 menschlichen Gesellschaften, ergänzt durch einen Vergleich mit 34 Säugetierarten. Diese Skalierung macht die Aussage nicht unangreifbar, aber sie hebt sie aus der reinen Anekdote.
Das Ergebnis ordnet den Menschen in einem Feld ein, das weder romantisch noch zynisch ist. Mit einem Vollgeschwister-Anteil von 66 Prozent landet Homo sapiens auf Platz 7 einer Rangliste, hinter dem Biber mit 73 Prozent und vor dem Weißhandgibbon mit 64 Prozent. Das ist eine Position, die die Besonderheit betont: Viele Primatenarten, darunter Berggorillas und Schimpansen, liegen weit niedriger mit Vollgeschwister-Raten im einstelligen Prozentbereich. In dieser Perspektive wirkt menschliche Monogamie nicht als naturgegebene Selbstverständlichkeit, sondern als evolutionär ungewöhnliche Verschiebung. Dyble beschreibt sie als Übergang aus nicht monogamen Gruppen heraus, was unter Säugetieren selten sei. Das ist eine starke These, weil sie nicht behauptet, Kultur sei irrelevant, sondern weil sie zeigt, dass Kultur auf einem biologischen Möglichkeitsraum aufsetzt, der bei Menschen offenbar anders strukturiert ist als bei engen Verwandten.
Interessant ist der Zusammenhang, den Dyble mit kooperativer Fürsorge und sozialem Zusammenhalt verbindet. Wenn kooperative Nachwuchspflege eher in monogamen Systemen entstehe, wird Monogamie nicht als romantische Norm erklärt, sondern als Sozialtechnologie, die Kooperation erleichtern kann. Das ist nicht gleichbedeutend mit „Treue“ im moralischen Sinn, aber es ist ein Hinweis darauf, dass Paarbindungsmuster in Gruppenstrukturen hineinwirken. Als Vergleichspunkt wird auch genannt, dass bestimmte Wolf- und Fuchsarten ähnliche Entwicklungen zeigen. Solche Vergleiche sind immer grob, aber sie geben eine Richtung: Nicht jede Art, die kooperativ lebt, ist monogam, aber dort, wo Monogamie stark ist, kann Kooperation leichter stabilisiert werden.
Die Rangliste selbst hat eine Pointe, weil sie zeigt, dass „die treueste Art“ in dieser Logik eine Vollgeschwister-Rate von 100 Prozent aufweist, etwa bei der Kalifornischen Maus, die lebenslange Partnerschaften eingeht. Am unteren Ende steht das Soay-Schaf mit einer sehr niedrigen Rate. Solche Extreme sind nicht als Wertung zu lesen, sondern als Erinnerung, wie breit der evolutionäre Raum ist. Der Mensch liegt darin nicht am Rand, aber deutlich näher an Arten, die stabile Paarbindung kennen, als an den meisten Primaten. Das ist eine nüchterne, fast entlastende Erkenntnis: Monogamie ist weder reine Natur noch reine Kultur, sondern eine Mischung aus beidem, die in vielen Gesellschaften stabilisiert wird, ohne dass sie vollständig „instinktiv“ wäre.
Hypertonie bei Kindern und Jugendlichen, nahezu Verdopplung in zwei Jahrzehnten, stille Epidemie mit Adipositas als Treiber
Bluthochdruck gilt lange als Erwachsenenthema, doch eine aktuelle Meta-Analyse zeichnet ein anderes Bild. In „The Lancet Child & Adolescent Health“ wurde im November eine Auswertung veröffentlicht, die die globale Prävalenz von Hypertonie bei Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahre untersucht. Unter der Leitung von Jiali Zhou von der Zhejiang University und Igor Rudan von der University of Edinburgh wird berichtet, dass sich die Rate innerhalb von zwei Jahrzehnten nahezu verdoppelt habe. Das ist keine Randverschiebung, sondern eine Entwicklung, die in ihrer Größenordnung eine Systemfrage aufwirft, weil Bluthochdruck im Kindesalter oft symptomarm bleibt und damit der Blick auf das Problem verzögert ist.
Die Studie stützt sich auf Daten von mehr als 443.000 Kindern und Jugendlichen aus 21 Ländern, wobei Blutdruckmessungen in Arztpraxen oder Kliniken ausgewertet werden, häufig über drei separate Termine hinweg. Allein dieser methodische Hinweis ist wichtig, weil er zeigt, wie schwierig Diagnostik in diesem Feld ist. Ein einzelner Messwert kann täuschen, wiederholte Messungen sind nötig, aber sie finden im Alltag nicht automatisch statt. Daraus erklärt sich, warum Forschende betonen, dass herkömmliche Messungen die wahre Prävalenz unterschätzen oder Fehldiagnosen begünstigen könnten. Damit wird der Befund doppelt ernst: Es könnte mehr Betroffene geben, als die Zahlen ohnehin schon nahelegen.
Als Größenordnung wird genannt, dass weltweit schätzungsweise mehr als 110 Millionen Minderjährige betroffen sein könnten. Die Beschreibung als „stille Epidemie“ passt, weil Bluthochdruck häufig keine akuten Warnsignale sendet, aber langfristig die Grundlage für Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Erwachsenenalter legt. Als Haupttreiber wird die Zunahme von Adipositas bei jungen Menschen genannt, was wiederum eine Entwicklung ist, die in vielen Ländern über Ernährung, Bewegungsumfeld, soziale Faktoren und Mediennutzung mitgeprägt wird. Damit wird Hypertonie im Kindesalter nicht nur zu einem medizinischen, sondern zu einem gesellschaftlichen Indikator. Er zeigt, wie früh Risikoprofile entstehen und wie schwer sie später zu drehen sind.
Der Ausblick der Forschenden ist nüchtern und zugleich ein Stück Optimismus in der Sache: Prävention und Screening können wirken, wenn sie konsequent verbessert werden. Das ist kein Versprechen, sondern ein Hinweis auf Handlungsräume, die existieren, bevor Folgeerkrankungen dominieren. Gleichzeitig bleibt eine Grenze, die man nicht wegreden kann: Screening erzeugt nur dann Nutzen, wenn es in Versorgungsketten mündet, die Beratung, Lebensumfeld und medizinische Begleitung zusammenführen. Sonst bleibt es beim Messen ohne Wirkung. Gerade weil das Thema still ist, entscheidet sich viel nicht in einem großen Moment, sondern in der Summe kleiner, früher Schritte.
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