Vertretungsapotheker mit 73, Apotheken im Personalmodus der Feiertage, Dienstplanlücken markieren die Grenze betrieblicher Tragfähigkeit
Wenn in vielen Apotheken rund um Dezember und Jahreswechsel über Stabilität gesprochen wird, meint das selten große Strategiepapiere. Es meint Dienstpläne, Ausfälle, Übergaben, und die Frage, ob sich der Alltag noch ohne Brüche organisieren lässt. Genau in diese Lücken fällt das Arbeitsmodell von Klaus Rabe: 73 Jahre alt, nach dem Ende der Selbstständigkeit bundesweit als Vertretungsapotheker unterwegs, dort, wo Personaldecke und Reserve längst nicht mehr selbstverständlich sind.
Dass er an den Feiertagen nicht arbeiten wollte, wirkt auf den ersten Blick wie eine private Entscheidung. In der betrieblichen Logik ist es ein kleiner Moment, der viel erzählt: Feiertage sind die Verdichtung aus Urlaub, Krankmeldungen, Inventuraufwand, Lieferproblemen und dem Anspruch, trotzdem verlässlich offen zu sein. Wenn dann eine Vertretung ausfällt oder bewusst Grenzen zieht, wird sichtbar, wie nahe manche Betriebe an der Kante operieren.
Vertretungsarbeit ist dabei längst kein romantischer “Aushilfs-Job” erfahrener Kollegen, sondern eine operative Notwendigkeit. Wer als Vertretung in eine fremde Apotheke kommt, muss in kürzester Zeit Abläufe aufnehmen, Risiken erkennen, die Rezept- und Dokumentationslogik verstehen, die Warenwirtschaft bedienen, Engpassware einordnen und im Zweifel auch die stille Kultur eines Teams lesen. Es geht nicht nur um Beratung, sondern um Prozesssicherheit unter Zeitdruck. Das trägt, wenn Übergaben sauber sind. Es kippt, wenn Übergaben dünn werden.
Der Satz, die Vertretung tue finanziell gut, trifft deshalb einen Nerv – und er ist zweischneidig. Ja, der Markt vergütet Reiseaufwand, Unsicherheit, fehlende Planbarkeit, und die Nachfrage ist ein Preissignal. Gleichzeitig entsteht für Apotheken eine zusätzliche Kostenachse genau dort, wo ohnehin kaum Luft ist: Personal wird nicht nur knapper, sondern teurer in der kurzfristigen Beschaffung. Wer dauerhaft nur über externe Kräfte stabil bleibt, merkt irgendwann, dass die Notlösung selbst zur strukturellen Last wird.
Dass Rabe 2026 etwas kürzer treten will, ist am Ende die eigentliche Nachricht hinter der Person. Denn der Pool erfahrener Vertretungsapotheker ist kein unendliches Reservoir, sondern hängt an Lebensphase, Gesundheit und Motivation einzelner Menschen. Wenn dieser Puffer schrumpft, wird die Lücke nicht abstrakt, sondern konkret: weniger Verfügbarkeit, höhere Preise, mehr Druck auf Öffnungszeiten und Leistungsumfang. Und damit steht eine nüchterne Frage im Raum, die keine einzelne Vertretung lösen kann: Wie lange trägt ein System, das zu oft nur dann ruhig bleibt, wenn jemand von außen einspringt?
Kassenvideo zur Vergütung, Apotheken im Hochpreiser-Frame der Kassen, Vertrauen und Verhandlungsklima geraten vor ApoVWG unter Druck
Ein kurzes Video kann wie Service aussehen und trotzdem eine Richtung setzen. Wenn der GKV-Spitzenverband erklärt, wie Apothekenvergütung funktioniert, ist das nicht nur Information, sondern auch Rahmung: Welche Aspekte werden betont, welche ausgeblendet, welche Deutung bleibt hängen. In dem Clip steht nicht die Versorgungsleistung oder der Aufwand im Vordergrund, sondern die Erzählung, Apotheken profitierten wegen der prozentualen Spanne automatisch von Hochpreisern.
Das greift ein reales Element auf, aber es verkürzt die betriebliche Wahrheit. Hochpreisige Verordnungen bedeuten nicht nur “mehr Umsatz”, sondern mehr Kapitalbindung, mehr Sensibilität in Prüf- und Abrechnungsprozessen, mehr Fallhöhe bei Abweichungen, mehr Risiko bei Retaxationen und mehr Druck in der Dokumentationsdisziplin. Wer das ausblendet, schafft ein Bild, in dem Apotheken wie automatische Gewinner steigender Arzneimittelpreise wirken – und genau dieses Bild beeinflusst, wie später über Honorar, Dynamisierung und Rahmenbedingungen gesprochen wird.
Auffällig ist auch das Timing: Das Video ist bereits ein Jahr alt und wird dennoch erneut auf Linkedin gespielt. Damit wird aus einem Erklärformat eine wiederholte Botschaft im politischen Raum – gerade in einer Phase, in der Beitragsdruck, Ausgabendisziplin und Reformdebatten ohnehin härter werden. “Kosten sind kein Thema” klingt freundlich, kann aber zugleich die Diskussion verschieben: weg von der Frage nach Tragfähigkeit, hin zur Unterstellung eines Vorteils, der keinen zusätzlichen Schutz brauche.
Für Apotheken entsteht dadurch eine Asymmetrie. Die Kassen können ihre Erzählung in einem einfachen, wiederholbaren Frame verbreiten, während die betriebliche Realität erklärungsbedürftig bleibt und selten in zwei Minuten passt. Fixanteile, prozentuale Komponenten, Zusatzvergütungen, Sonderaufwand – das ist für Außenstehende schwer einzuordnen, und genau diese Komplexität macht einfache Narrative so wirksam. Wer dann über Personalbindung, Investitionen oder Haftung spricht, muss zuerst ein bereits gesetztes Deutungsangebot entkräften.
Die nüchterne Einordnung lautet deshalb: Das Video ist nicht zwingend “Angriff”, aber es ist ein Signal für das Klima. Wenn Hochpreiser zum Beleg für “Profit” gemacht werden, rutscht die Vergütungsfrage schnell in eine moralische Debatte, statt als Systemfrage verhandelt zu werden. Das ist riskant, weil Versorgung nicht aus Frames entsteht, sondern aus Regeln, die Aufwand, Risiko und Wirtschaftlichkeit sauber abbilden. Und genau dort entscheidet sich, ob Kommunikation zur Aufklärung beiträgt oder zur Vorprägung einer Sparlogik, die am Ende nicht nur Betriebe trifft, sondern die Funktionsfähigkeit der Fläche.
Blackout nach Sabotage, Apotheken und Pflege im Autarkieproblem der Stadt, Energie-Resilienz bleibt eine Refinanzierungslücke der Daseinsvorsorge
Ein großflächiger Stromausfall ist im Alltag zunächst ein Ärgernis – bis er zur Lage wird. Im Südwesten Berlins standen nach der Zerstörung einer kurzen oberirdischen Kabelbrücke mit Hoch- und Mittelspannungskabeln zeitweise mehr als 45.000 Haushalte und Betriebe ohne Strom da, betroffen waren auch Supermärkte, Läden, Lokale und Unternehmen in Steglitz. Zu dem Brandanschlag bekannte sich die “Vulkangruppe”, während Einsatzkräfte parallel Schäden sichern und Notlösungen organisieren mussten.
Entscheidend ist dabei nicht nur die Ursache, sondern die Dauer. Wenn es Tage dauert, bis die Stromzufuhr wiederhergestellt ist, verschiebt sich der Ausfall von Störung zu Organisationsrisiko. 19 Schulen sollten so lange geschlossen bleiben, Mobilfunk und Notruf waren eingeschränkt, Notunterkünfte wurden eingerichtet. In so einem Szenario zeigt sich, wie eng das öffentliche Leben an Infrastruktur hängt, die sonst unsichtbar bleibt.
Für Einrichtungen der Gesundheitsversorgung ist ein Blackout kein abstrakter Stresstest, sondern eine Kette aus sofortigen Abhängigkeiten. Kühlung, Dokumentation, Alarmtechnik, Kommunikation, digitale Übergaben – vieles ist auf Dauerbetrieb ausgelegt. Wenn Koordination zusätzlich durch eingeschränkten Mobilfunk erschwert wird, wird jede ohnehin knappe Ressource in der Fläche noch stärker belastet, weil Priorisierung und Abstimmung mit unvollständigen Informationen passieren.
Der Hinweis aus dem Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe zielt genau in diese Lücke. Der Verband betont, wie fragil Infrastruktur sein kann, und fordert einen Zugang zu sicherer, im Notfall auch autarker Energieversorgung für Einrichtungen im Gesundheits- und Pflegebereich – verbunden mit dem Punkt, dass dies derzeit nicht refinanziert werde und deshalb nicht vorgehalten werden könne. Das ist die zentrale Spannungszone: Vorsorge wird moralisch erwartet, aber finanziell und regeltechnisch nicht als Standard abgesichert.
Auch Apotheken geraten in solchen Lagen schnell in die Improvisation, sobald Ausfälle nicht nur Minuten dauern. Warenwirtschaft, Rezeptabwicklung, Kartenterminals, Erreichbarkeit, Kühlketten – vieles ist nicht beliebig entkoppelbar. Wenn ein Stromausfall zudem mit Kommunikationsstörungen zusammenfällt, wird selbst die Abstimmung mit Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen oder Lieferwegen brüchig. Der Rückblick auf frühere mehrtägige Ausfälle in Berlin verstärkt das Signal: Wiederholung macht aus Ausnahme ein Risiko, das geplant, finanziert und überprüfbar geregelt werden muss, statt nur als Schlagwort “Resilienz” zu wandern.
ApoVWG nach Kabinettsbeschluss, Apotheken zwischen Aufgabenpaket und Honorarvorbehalt, Reformrisiken bleiben im Zeitplan und Vollzug verborgen
Mit dem Kabinettsbeschluss vom 17. Dezember ist das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz in das parlamentarische Verfahren gegangen – und damit beginnt die Phase, in der sich die entscheidenden Risiken erst scharf stellen. Denn der Kern liegt weniger in einzelnen Bausteinen als in der Kopplung von Aufgaben, Strukturideen und einem weiterhin offenen Finanzierungspfad. Genau diese Kopplung entscheidet, ob die Reform stabilisiert oder Lasten verschiebt.
Die Honorarfrage bleibt die Sollbruchstelle, weil sie die Trägerschicht für jede zusätzliche Rolle ist. Wenn das Fixum nicht angehoben wird, während zugleich neue Versorgungsfunktionen, neue Abgabeoptionen und mehr Nachweis- und Qualitätsanforderungen diskutiert werden, entsteht eine Schieflage: mehr Systemnutzen, aber kein gleichlaufender betrieblicher Unterbau. Politische Zusagen, das Fixum “wieder auf die Tagesordnung” zu setzen, sind für Betriebe erst dann relevant, wenn daraus ein belastbarer Mechanismus wird – nicht, wenn sie im Finanzargument stecken bleiben.
Die von der Ministerin eingesetzte Finanzkommission wird damit zum Machtzentrum, weil sie die Debatte auf Einsparpotenziale und Gegenfinanzierung verlagert. Das kann politisch Spielräume eröffnen, ist aber betrieblich eine Wette auf Zeit und Durchsetzung. Für wirtschaftlich fragile Apotheken ist Zeit kein neutraler Faktor: Kosten laufen weiter, Personalbindung kostet, Investitionen werden vertagt, und Unsicherheit wird zur Planungsfalle. Selbst eine perspektivisch “jährliche” Anpassung in der AMPreisV kann systemisch sinnvoll sein – ihr Problem ist der Takt: Bis Normsetzung, Verhandlung, mögliches Schiedsverfahren und Umsetzung wirken, vergeht Zeit, die viele Betriebe nicht als Puffer besitzen.
Reformteile wie PTA-Vertretung, strengere Transportvorschriften für Versender oder neue Primärversorgungsrollen sind im Alltag weniger politische Symbole als Organisations- und Haftungsfragen. Besonders heikel sind die Übergänge: Wer ist wann verantwortlich, was gilt im Ausnahmefall, wie wird kontrolliert, wer sanktioniert Verstöße, wie werden Standards tatsächlich durchgesetzt. Wenn Regeltexte neue Pflichten definieren, der Vollzug aber unklar bleibt, entsteht ein Wettbewerb über Grauzonen – und am Ende ein Risiko aus Interpretationen statt aus verlässlichen Regeln.
Die entscheidende Einordnung lautet deshalb: Erfolg hängt an der Reihenfolge der Wirksamkeit. Betriebe brauchen zuerst Tragfähigkeit, dann neue Aufgaben; zuerst Vollzugssicherheit, dann neue Standards; zuerst klare Abgrenzungen, dann zusätzliche Rollen. Wird die Reihenfolge umgedreht, entsteht politisch ein aktives Reformbild, betriebswirtschaftlich aber eine Asymmetrie, in der Pflichten schneller wachsen als Ressourcen. Und genau diese Asymmetrie ist das Risiko, das im Zeitplan oft weniger sichtbar ist als in der Offizin.
Lebensstil-Score aus UK-Daten, Apotheken als Präventionskontakt im Alltag, Demenz- und Schlaganfallrisiko wird über Jahre messbar verschoben
Zum Jahreswechsel setzen Neurologen ein Signal, das ungewöhnlich konkret wirkt: Nicht ein einzelner “Trick”, sondern die Kombination alltagsnaher Faktoren verschiebt messbar das Risiko für Alzheimer-Demenz und Schlaganfälle. Grundlage ist eine prospektive Auswertung aus Großbritannien mit 474.983 Personen aus der UK Biobank, 37 bis 73 Jahre alt, ohne vorbekannten Schlaganfall oder Demenz, beobachtet über durchschnittlich rund zehn Jahre.
Der Ansatz ist bewusst simpel: ein Score von 0 bis 4, der regelmäßige körperliche Aktivität, sieben bis acht Stunden Schlaf, weniger als sechs Stunden Sitzen pro Tag und eine Handgriffstärke über dem geschlechtsspezifischen Durchschnitt bündelt. Gerade diese Mischung aus Verhalten und einem Körpermarker macht die Logik greifbar, ohne zu behaupten, das Leben ließe sich auf eine Zahl reduzieren. Und sie zeigt, warum viele Einzelmaßnahmen enttäuschen: Wirkung entsteht hier als Bündel, nicht als einzelner Hebel.
Die Staffelung der Effekte ist der eigentliche Kern. Beim Schlaganfallrisiko sank das Risiko in den Daten bei zwei erfüllten Kriterien um 15 Prozent, bei drei um 29 Prozent und bei vier um 35 Prozent. Beim Demenzrisiko fallen die Werte noch stärker aus: 26 Prozent, 36 Prozent und 57 Prozent. Das sind Größenordnungen, die Prävention von “guter Idee” zu einer Art Risikorechnung verschieben, weil sie nicht nur Richtung, sondern Maß liefern.
Interessant ist zudem, welche Faktoren als besonders wirksam beschrieben werden: körperliche Aktivität und ausreichend Schlaf. Schlaf wird damit aus der Wellness-Ecke herausgeholt und als biologischer Taktgeber sichtbar, der sich in harten Endpunkten niederschlagen kann. Gleichzeitig bleibt die Grenze klar: Nicht jede Lebenslage erlaubt die gleiche Stabilität, Schichtarbeit, Pflegebelastung, chronischer Stress oder lange Pendelwege sind reale Bremsen. Gerade deshalb ist die Botschaft weniger moralisch als strukturell: Prävention muss zu Routinen passen, sonst bleibt sie ein Vorsatz ohne Halt.
Für Apotheken ist der Bezug naheliegend, ohne dass daraus ein Heilversprechen wird. Prävention spielt im Alltag oft in kurzen Gesprächen, in Fragen zu Schlaf, Bewegung, Sitzzeiten, Belastung und Begleiterkrankungen, häufig am Rand einer Arzneimittelabgabe oder Beratung. Wenn Daten so klar zeigen, dass kleine, wiederholbare Faktoren über Jahre einen messbaren Unterschied machen können, entsteht eine nüchterne Chance: weniger Pathos, mehr Verständlichkeit. Es geht nicht um “Optimierung”, sondern um tragfähige Langstreckenarbeit, die sich in den Alltag einhängt, statt ihn zu überfordern.
Remimazolam startet im Klinikmarkt, Apotheken in der Liefer- und Prozesskette, Sedierungssicherheit hängt an Übergaben und Zugriffsroutinen
Zum Jahresauftakt ist mit Remimazolam nach langer Zeit wieder ein neues Benzodiazepin in den deutschen Marktfluss gekommen. Bemerkenswert ist weniger der Name als die Frage, was sich im Alltag dadurch verändert: Sedierung ist kein Bereich für “läuft schon”, sondern ein Hochaufmerksamkeitsprozess, in dem Substanz, Monitoring, Übergaben und Zugriffsroutinen zusammenpassen müssen. Remimazolam gilt als ultra-kurzwirksames Sedativum und wird im Körper durch Gewebe-Esterasen rasch zu einem inaktiven Metaboliten abgebaut, der eine deutlich geringere Affinität zum Rezeptor hat.
Die klinische Attraktivität liegt in der Steuerbarkeit, aber genau diese Eigenschaft verschiebt die Verantwortung in den Prozess. Die Anwendung soll patientenindividuell titriert werden, um wirksame Dosen zu erreichen und Nebenwirkungen zu minimieren. Das klingt selbstverständlich, wirkt aber nur, wenn Monitoring, Dokumentation und klare Verantwortungsübergaben im Team sauber sind. Ein zentraler Sicherheitsanker ist, dass ein Antagonist zur Aufhebung der Benzodiazepin-Wirkung sofort verfügbar sein muss. Auch Kontraindikationen wie eine instabile Myasthenia gravis sind in der Praxis keine Fußnote, sondern ein echtes Stoppschild.
Die typischen Nebenwirkungen betreffen die Achsen, die bei Sedierung nie “klein” sind: Hypotonie, Atemdepression und Bradykardie. Damit steht Remimazolam automatisch im Feld, in dem Überwachung nicht als Option, sondern als Pflichtlogik verstanden werden muss. Besonders sensibel ist die Kombination mit Opioiden, weil sich sedierende und atemdepressive Effekte verstärken können und Routine schnell in eine kritische Tiefe rutscht. Auch Warnhinweise zur zeitlichen Nähe von Alkohol sind nicht Moral, sondern Sicherheitsgrenze, weil additive Wirkungen das klinische Bild verschieben können.
Ein weiterer Risikopunkt ist die Toleranzfrage bei Patientinnen und Patienten mit Benzodiazepin-Dauertherapie. Wenn eine Toleranz vorliegt, kann eine höhere kumulative Dosis erforderlich werden, und damit kann die Sicherheitsmarge unbemerkt schrumpfen, wenn die Vorgeschichte nicht konsequent in die Planung eingeht. Hier zeigt sich, wie schnell “neue Substanz” zu “neuer Prozessanforderung” wird: Vorerfahrungen, Vormedikation, Risiko-Profil und Teamkommunikation entscheiden mehr als das Etikett.
Für Apotheken liegt der Beitrag weniger in der Bewertung klinischer Entscheidungen als in der Stabilität der Kette: richtige Darreichungsform, verlässliche Verfügbarkeit, klare Lager- und Zugriffsroutinen und saubere Dokumentation – zumal eine weitere Darreichungsform aufgrund höherer Wirkstärke dem Betäubungsmittelregime zugeordnet wird und damit organisatorisch andere Regeln triggert. Genau an solchen Schnittstellen passieren Fehler nicht, weil jemand “unaufmerksam” ist, sondern weil Übergänge unscharf werden. Ein neues Präparat prüft deshalb immer auch die Robustheit der Prozesse, in die es eingebaut wird.
PPI in der Forschung, Apotheken als Übersetzer komplexer Evidenz, Vertrauen entsteht aus Prüfwegen und realen Patientenerfahrungen
Wenn Patientinnen, Patienten oder Pflegekräfte Teil des Forschungsprozesses werden, verändert das nicht nur die Außendarstellung, sondern die Reihenfolge der Fragen. Patienten- und Öffentlichkeitsbeteiligung, häufig als PPI bezeichnet, rückt Erfahrung vom Rand in den Kern: erst die Lebensrealität, dann Hypothesen, dann Messung. Das ist keine Romantisierung von Erfahrung, sondern eine Korrektur von Perspektiven, weil viele Studienabläufe im Protokoll sauber wirken und im Alltag trotzdem unzumutbar sein können.
Der praktische Gewinn liegt oft nicht in spektakulären Durchbrüchen, sondern in besseren Fragen und weniger blinden Flecken. Wenn Betroffene oder Pflegekräfte früh mitdenken, werden Hürden sichtbarer: Aufklärungstexte, die an Menschen vorbeireden, Abläufe, die nur für “perfekte” Teilnehmende funktionieren, Belastungen, die im Studiendesign unterschätzt werden. Das kann Abbrüche reduzieren, Verzerrungen verkleinern und Ergebnisse näher an die Realität bringen, für die sie gedacht sind.
In Zeiten, in denen gesundheitsbezogene Behauptungen online in kurzer Zeit eine enorme Reichweite bekommen, bekommt Beteiligung zusätzlich eine Vertrauensdimension. Wer selbst betroffen ist, wird oft anders gehört, und genau das kann helfen, komplexe Zusammenhänge so zu erklären, dass sie nicht simpel werden, aber verständlicher. Vertrauen entsteht dann nicht aus Stimmung, sondern aus nachvollziehbaren Wegen: warum eine Aussage trägt, wo sie endet, welche Unsicherheit bleibt.
Gleichzeitig ist Beteiligung kein Selbstläufer. Wenn PPI nur als Pflichtfeld in Anträgen auftaucht, entstehen Alibi-Strukturen, die Erwartungen wecken und Enttäuschung produzieren, weil echte Mitsprache ausbleibt. Gute Beteiligung kostet Zeit, Moderation, Ressourcen und auch die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, wenn Erfahrung und Systemlogik sich reiben. Genau dort liegt der Prüfstein: ob Beteiligung die Qualität der Fragen, die Lesbarkeit der Wege und die Belastbarkeit der Ergebnisse spürbar verbessert.
Für Apotheken ergibt sich ein Bezug weniger über Forschungslabore als über Übersetzung im Alltag. Viele Menschen begegnen wissenschaftlichen Aussagen zuerst in kleinen Gesprächen, in Unsicherheiten, in Missverständnissen, oft rund um Therapie, Nebenwirkungen und Erwartungen. Wenn Forschung erklärbarer werden muss, ohne banal zu werden, wächst der Wert von klaren Prüfwegen und sauberer Grenzziehung. PPI kann dazu beitragen, dass diese Grenzziehung nicht wie Belehrung klingt, sondern wie ernsthafte Einordnung – und genau das ist die Basis, auf der Vertrauen in Evidenz überhaupt tragfähig bleibt.
Medaillen im Apotheken-Museum, Pharmaziegeschichte als Berufs-Selbstbild, Erinnerung trifft auf Verluste und den nüchternen Wiederaufbau von Beständen
Pharmaziegeschichte steht nicht nur in Büchern, sie steckt auch in Objekten, die wie kleine Programme wirken. Medaillen, Preismünzen und Porzellanprägungen erzählen, wen eine Epoche für bedeutend hielt, welche Leitmotive sie der Heilkunst zuschrieb und wie Institutionen sich selbst verorteten. In einer numismatischen Sammlung wird das zu einem zweiten Archivstrang: nicht über Akten, sondern über Ikonografie, Inschriften und die Art, wie Anerkennung gestaltet wurde.
Dass die Sammlung des Deutschen Apotheken-Museums durch Anschaffungen und Schenkungen wieder bereichert werden konnte, ist deshalb mehr als ein Sammlerereignis. Es ist eine Korrektur von Lücken, die Geschichte sonst offen lassen würde, zumal ein Teil früherer Bestände zu Kriegsverlusten zählte. Hier wird aus Numismatik ein Verfahren der Wiederherstellung: Erinnerung wird nicht behauptet, sondern materiell rekonstruiert.
Ein markantes Beispiel ist die Medaille auf Johann Bartholomäus Trommsdorff zum 50-jährigen Berufsjubiläum 1834. Schon die Widmung durch Freunde und die Legende “TESSERA AMICORUM” verweisen auf Anerkennung über persönliche Netzwerke. Die Darstellung der Arzneibereitung in antiker Gewandung ist keine neutrale Szene, sondern eine Inszenierung von Tradition, Ordnung und Autorität. Der Beruf wird in eine lange Linie gestellt, die Vertrauen erzeugen soll, ohne viele Worte zu verlieren.
Ein zweiter Strang führt über die Porzellanmedaille auf Samuel Hahnemann aus dem Jahr 1922, geschaffen in Meißen. Der Verkauf sollte einem Denkmal dienen, der Plan scheiterte an der Inflation, erst Jahrzehnte später wurde das Vorhaben wieder aufgenommen. An einem einzigen Objekt wird damit sichtbar, wie ökonomische Brüche kulturelle Projekte abrupt beenden können – und wie Erinnerungspolitik, Finanzierung und Zeitläufe ineinandergreifen.
Internationaler wird das Bild mit einer französischen Preismedaille der pharmazeutischen Hochschule in Paris, deren Vorderseite den Anspruch “AU SOULAGEMENT DE L’HUMANITÉ” trägt und mit einer Bildwelt arbeitet, die Naturreiche, Laborarbeit und Heilversprechen in eine Szene presst. Spätere Stücke, etwa aus den Niederlanden, zeigen Institutionen, die ihr Leitbild über Symbole wie Mörser, Pflanzen und Motti sichern. Am Ende bleibt eine nüchterne Erkenntnis: Diese Medaillen sind keine dekorativen Randnotizen, sondern Dokumente darüber, wie Pharmazie sich selbst erklärt hat – und wie eng Selbstbild, gesellschaftliche Erwartungen und historische Brüche miteinander verwoben sind.
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