Fixumdebatte stellt Vertrauen infrage, Apothekenhonorar signalisiert Wertschätzung, Demokratieversprechen brauchen Verlässlichkeit
Wenn in einer Kammerversammlung nicht nur Zahlen und Paragrafen, sondern Grundfragen von Demokratie und Vertrauen verhandelt werden, zeigt das Ausmaß der Verunsicherung im Berufsstand bereits ein besonderes Niveau. In Schleswig-Holstein wird die ausbleibende Anpassung des Apothekenfixums nicht mehr nur als finanzielle Schieflage erlebt, sondern als sichtbarer Bruch zwischen politisch gegebenen Zusagen und dem erlebten Alltag an den Standorten. Dass Kammerpräsident Kai Christiansen seine eigene Parteimitgliedschaft öffentlich zur Disposition stellt, macht deutlich, wie stark sich einzelne Akteure persönlich an Versprechungen im Koalitionsvertrag gebunden fühlen. Die Erhöhung auf neun Euro fünfzig wurde als Antwort auf eine bekannte, durch Zahlen belegte ökonomische Situation verabredet und nicht als spontane Gefälligkeit. Wenn nach einem klar formulierten Versprechen die Vergütung der Ärzte binnen kurzer Zeit um einen hohen Betrag steigt, während für Apotheken angeblich keine Mittel zur Verfügung stehen, kollidiert erlebte Realität mit politischen Erzählungen. Apothekenbetreiber nehmen dies nicht nur als unerfüllte Forderung wahr, sondern als Infragestellung ihrer Systemrelevanz.
Christiansens Analyse zielt tiefer als auf den unmittelbaren Vergütungssatz und verknüpft die Fixumfrage mit Grundfragen demokratischer Kultur. Er beschreibt eine Öffentlichkeit, in der komplexe Zusammenhänge gegenüber lauten Botschaften an Boden verlieren und in der Politik stärker auf Schlagzeilen als auf tragfähige Begründungen reagiert. Wenn eine im Koalitionsvertrag zugesagte Honoraranpassung mit dem Hinweis auf schwierige Kassenfinanzen blockiert wird, obwohl diese Ausgangslage bereits bei Vertragsabschluss bekannt war, steht für ihn nicht nur ein einzelner Betrag zur Disposition, sondern die Verlässlichkeit politischer Zusagen. Die Aussage, für Apotheken sei kein Geld vorhanden, während an anderer Stelle hohe Honorarsteigerungen möglich sind, erscheint in dieser Logik als bewusst gesetzte Priorität und nicht als Naturgesetz. Für Apothekeninhaberinnen und -inhaber entsteht das Bild einer politischen Arena, in der Systemrelevanz zwar rhetorisch betont, in der konkreten Mittelverteilung jedoch nachrangig behandelt wird. Die Fixumdebatte wird damit zum Kristallisationspunkt für die Frage, ob Worte im politischen Raum noch in ausreichendem Maß Bindekraft entfalten.
Besonderes Gewicht erhält die Tatsache, dass die Verantwortung für die Arzneimittelpreisverordnung in Händen derselben Partei liegt, deren Vertreter auf Bundesebene um Verständnis für ausgebliebene Anpassungen werben. Christiansen richtet den Fokus auf die doppelte Ressortverantwortung und folgert, dass sich die zuständige Partei einer klaren Zuständigkeit nicht entziehen könne. In seiner Argumentation entsteht daraus ein doppelter Vorwurf: Einerseits gehe es um das konkrete wirtschaftliche Fundament einer Branche, deren Zahl an Betriebsstätten seit Jahren sinkt und deren Notdienstlast in der Fläche steigt. Andererseits werde eine demokratische Erwartung enttäuscht, nämlich dass eine Partei in Regierungsverantwortung die Versprechen umsetzt, mit denen sie in der Opposition Vertrauen aufgebaut hat. Wenn eine Partei zuvor wortreich die Situation der Apotheken als unhaltbar beschrieben und eine Umsteuerung in Aussicht gestellt hat, dann aber im Kabinett das Gegenteil praktiziert, verschiebt sich die Wahrnehmung von Verlässlichkeit. Für Apothekenbetreiber, die in ihren Regionen selbst auf das Vertrauen von Patienten, Ärzten und Kommunalpolitik angewiesen sind, wirkt diese Konstellation besonders irritierend.
Die von Christiansen skizzierten Folgen für die demokratische Kultur entfalten sich auf mehreren Ebenen, die auch aus Sicht von Apothekeninhabern von Bedeutung sind. Der Verlust von Vertrauen trifft nicht nur Parteizentralen, sondern wirkt in die Berufspolitik hinein, wenn engagierte Ehrenamtliche Verständnis für politische Prozesse einfordern und zugleich die Enttäuschung der Basis auffangen müssen. Wenn Politik nicht mehr als Streit um die besten Argumente erlebt wird, sondern als Bühne für Lautstärke, wächst die Gefahr, dass soziale Medien und einfache Botschaften die differenzierte Interessenvertretung überlagern. Systemrelevante Strukturen wie Apothekennetze in der Fläche geraten in diesem Klima in eine paradoxe Lage: Sie sollen im Krisenfall lieferfähig, beratungsstark und notdienstbereit sein, während ihre wirtschaftliche Basis durch fehlende Dynamisierung und zusätzliche Auflagen ausgehöhlt wird. Wo Entscheidungen nicht mehr nachvollziehbar sind, entsteht leicht der Eindruck von Willkür, der Protestformen radikalisiert und Spielräume für sachorientierte Gespräche verengt. Für Apothekeninhaber bedeutet dies, dass sie sich in einem Umfeld wiederfinden, in dem politische Zusagen unsicherer geworden sind und in dem langfristige Planung stärker unter Vorbehalt steht.
Über die Fixumfrage hinaus zeigt der Beschluss zur Beitragsdynamisierung der Kammer, dass auch innerhalb des Berufsstandes Mechanismen gesucht werden, um eigene Strukturen finanziell stabil zu halten. Die Kopplung an Grundlohnsumme und Verbraucherpreisindex schafft ein System, in dem Beiträge nach vorab definierten Parametern angepasst werden, ohne dass jede Erhöhung neu ausgehandelt werden muss. Dass die Kammer weiterhin mit festen Beiträgen pro Apotheke arbeitet, verdeutlicht zugleich, wie stark die Last auf betrieblicher Ebene verankert bleibt, während Rücklagenbildung und Haushaltsplanung auf der Institutionenseite abgesichert werden sollen. Für Apothekenbetreiber entsteht daraus ein doppeltes Bild: Nach außen bleibt die Honorarsituation eingefroren oder hochgradig umkämpft, nach innen steigen Beiträge, um berufspolitische Handlungsfähigkeit zu sichern. In dieser Konstellation stellt sich die Frage, wie tragfähig die wirtschaftliche Basis einzelner Betriebe bleibt, wenn politische Zusagen ausbleiben, interne Finanzierungsmodelle aber planmäßig greifen. Apothekeninhaberinnen und -inhaber müssen sich daher darauf einstellen, dass sie in den kommenden Jahren parallel mit erhöhtem Beitragssockel und ungewisser Einnahmesituation leben und zugleich ihre Rolle als verlässliche Infrastruktur in Notdienst, Krisenvorsorge und regionaler Versorgung ausfüllen.
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