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APOTHEKE | Systemblick |
Stand: Freitag, 21. November 2025, um 10:45 Uhr
Apotheken-News: Kommentar von heute
Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über TikTok-Videos aus dem Notdienst, junge Zielgruppen und berufliche Verantwortung in sozialen Medien
TikTok ist längst nicht mehr nur ein Kanal für Tanzclips und Trends, sondern ein Ort, an dem sich eine Generation informiert, unterhält und Haltung bildet – auch zur Versorgung im Notdienst. Wenn junge Approbierte dort reale Nachtschichten, unangenehme Anrufe und Grenzüberschreitungen zeigen, dann wirkt das für Teile der Berufsöffentlichkeit zunächst fremd und vielleicht sogar respektlos, für viele potenzielle Patientinnen und Patienten aber überraschend nah. Im Alltag eines Notdienstteams bedeutet diese Art von Sichtbarkeit, dass Arbeitsrealität, emotionale Belastung und gute Momente plötzlich nicht mehr nur innerhalb der eigenen Offizin verhandelt werden, sondern vor einem Publikum, das sonst selten einen Blick hinter die Scheibe des Nachtdienstfensters erhält. Der Nutzen solcher Beiträge liegt darin, dass sie ein Berufsbild aus der Ecke reiner Vertrauensrhetorik holen und mit erlebten Situationen füllen, die auch unangenehme Seiten des Dienstes nicht ausblenden.
Gleichzeitig verschiebt sich der Rahmen, in dem solche Erlebnisse erzählt werden. TikTok belohnt Zuspitzung, Tempo und klare Emotionen; Nuancen, Kontext und rechtliche Hintergründe passen nur begrenzt in eine kurze Sequenz. Für Apothekenteams heißt das, dass jede Szene, jeder Satz und jede Pointe über das konkrete Erlebnis hinaus wirkt: auf das Bild des Berufsstandes, auf das Verständnis von Notdienst und auf die Frage, was als zulässiger Umgang mit Übergriffen, Respektlosigkeit oder banalen Bagatellanfragen gilt. Im Alltag wird spürbar, dass aus einem spontanen Video schnell eine Referenz werden kann, auf die sich Medien, Kollegenschaft und Öffentlichkeit beziehen. Wer TikTok als Bühne nutzt, bewegt sich deshalb immer zugleich im Raum der persönlichen Ausdrucksform und der berufsöffentlichen Kommunikation, selbst wenn das Smartphone eigentlich nur ein kurzer Begleiter durch eine anstrengende Nacht sein soll.
Die Stärke der beschriebenen Notdienstclips liegt darin, dass sie ein Tabu sichtbar machen: Übergriffige Anrufe, sexualisierte Kommentare oder respektlose Forderungen im Nachtdienst gehören für viele Apotheken zum Routinehintergrund, werden aber selten klar benannt. Authentische Schilderungen treffen hier einen Nerv, weil sie Erfahrungen artikulieren, die in vielen Teams nur im kleinen Kreis ausgesprochen werden. Im Alltag bedeutet das für Betroffene, dass sie sich weniger allein fühlen, wenn jemand stellvertretend ausspricht, was sonst unter der Überschrift „gehört eben dazu“ abgelegt wird. Gleichzeitig entsteht eine neue Erwartungshaltung: Wenn Grenzüberschreitungen öffentlich benannt werden, rückt auch die Frage nach Strukturen, Schutzmechanismen und klaren Zuständigkeiten stärker in den Vordergrund. Eine leise Folge solcher Clips ist, dass sich das innere Bild vom Notdienst weg von reiner Heroisierung hin zu einer realistischeren Mischung aus Hilfsbereitschaft und Zumutungen verschiebt.
Mit der Bühne wächst jedoch auch das Risiko der Missdeutung. Ausschnitte aus Gesprächen, ironische Kommentare oder überzeichnete Reaktionen lassen sich leicht aus dem Zusammenhang reißen und in andere Deutungen stellen – etwa als mangelnde Professionalität oder als Verachtung bestimmter Anliegen. In der Versorgungspraxis kann dies dazu führen, dass einzelne Videos gegen ganze Berufsgruppen gelesen werden, obwohl sie eigentlich auf strukturelle Probleme hinweisen sollen. Apothekenteams, die im Netz sichtbar werden, tragen damit eine doppelte Last: Sie stehen für sich selbst und zugleich für Kolleginnen und Kollegen, die an diesem Auftritt gar nicht beteiligt waren. Das Bild, das bei einem jungen Publikum entsteht, ist mitentscheidend dafür, ob Apotheken als zugängliche, kompetente und respektvolle Anlaufstellen erlebt werden oder als Orte, an denen man lieber nicht mit „kleinen“ Sorgen auftaucht. Eine Szene aus der Nacht kann dann zum Maßstab für Erwartungen an vielen anderen Standorten werden.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach professioneller Haltung im digitalen Raum an Gewicht. Authentizität bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern die Fähigkeit, echte Gefühle und Erfahrungen so zu zeigen, dass Würde, Schweigepflicht und rechtliche Rahmen gewahrt bleiben. Im Alltag lässt sich beobachten, dass klare interne Absprachen – etwa dazu, was niemals gefilmt oder erzählt wird, welche Rollen im Team sichtbar sind und wie mit Kommentaren umgegangen wird – einen spürbaren Unterschied machen, auch wenn sie nach außen nicht sichtbar sind. Eine Hausordnung für soziale Medien schützt nicht nur den Betrieb, sondern auch die Einzelnen vor Überforderung, Shitstorms und Missverständnissen im Kollegenkreis. Gleichzeitig eröffnet sie Raum für starke, glaubwürdige Stimmen, die zeigen, wie viel Engagement, Humor und Ernst in nächtlichen Diensten steckt, ohne Einzelne bloßzustellen oder Patientengeschichten zum Unterhaltungsmaterial zu machen.
Am Ende steht TikTok damit nicht für eine Verwässerung des Berufsbildes, sondern für eine Verschiebung des Ortes, an dem dieses Bild ausgehandelt wird. Während klassische Imagekampagnen häufig mit Hochglanzmotiven, Claims und sorgfältig kuratierten Botschaften arbeiten, zeigen die neuen Clips eher Ecken und Kanten, leise Genervtheit und offene Benennung von Zumutungen. Im Alltag bedeutet dies, dass die Deutungshoheit über die Apotheke vor Ort nicht mehr nur bei Kammern, Verbänden und Agenturen liegt, sondern zunehmend bei den Köpfen, die nachts das Telefon abheben und tagsüber die Verantwortung tragen. Wo authentische Einblicke, klare Haltung und professioneller Rahmen zusammenkommen, entsteht ein Profil, das gerade für jüngere Menschen anschlussfähig ist. Wo diese Balance verfehlt wird, droht dagegen, dass ein einzelnes Video mehr Schatten wirft als jede klassische Kritik. Die entscheidende Frage ist daher weniger, ob Apotheken auf TikTok präsent sind, sondern wie sie dort sichtbar werden – als zufällige Randfigur im Strom der Clips oder als ernstzunehmender Teil einer Generation, die sich ihre Bilder von Versorgung neu zusammensetzt.
TikTok verschiebt die Bühne für das Berufsbild von der Fachpresse in den Scroll-Alltag einer jüngeren Generation, in dem Sekunden entscheiden, ob jemand weiterwischt oder innehält. Wenn echte Apothekerinnen, Apotheker und PTA dort von Nachtdiensten, Übergriffen und gelingenden Momenten erzählen, dann verlassen sie die vertraute Komfortzone kontrollierter Öffentlichkeitsarbeit und treten in einen Raum ein, in dem Authentizität geschätzt, aber Missverständnisse schnell vervielfacht werden. Im Alltag von Offizinen zeigt sich, dass dieses Spannungsfeld längst real ist: Zwischen dem Bedürfnis, Belastung zu benennen, und der Sorge, durch einen ironischen Satz das gesamte Berufsbild angreifbar zu machen. Gleichzeitig eröffnet die Plattform die Chance, sichtbar zu machen, was sonst hinter Schaufenstern, Rollgittern und Notdienstklingeln verborgen bleibt: Menschen, die unter hohem Druck Verantwortung tragen und doch versuchen, ihren Beruf mit Humor zu leben. In dieser Reibung zwischen Nähe und professioneller Distanz entscheidet sich, ob TikTok zu einem Resonanzraum für glaubwürdige Versorgung wird oder zu einem Ort, an dem einzelne Clips das Vertrauen unterspülen, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde.
Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. TikTok macht sichtbar, dass die Deutung des Berufsbildes nicht mehr allein in Gremien, Leitartikeln und Imagekampagnen verhandelt wird, sondern dort, wo junge Menschen ohnehin ihre Zeit verbringen und sich ein Bild von Rollen und Institutionen machen. Für Apothekenteams bedeutet dies, dass Glaubwürdigkeit zur gemeinsamen Währung wird: Nicht das perfekte Skript entscheidet, sondern die Übereinstimmung zwischen dem, was im Clip gezeigt wird, und dem, was an der Kasse und im Beratungsraum erlebbar ist. Die Verantwortung verschiebt sich damit weg von der Frage, ob soziale Medien „erlaubt“ sind, hin zu der Frage, ob innere Grenzen, rechtliche Rahmen und kollegiale Rücksicht in jeder Aufnahme mitgedacht werden. Wenn übergriffiges Verhalten im Notdienst benannt wird, entsteht zugleich ein leiser Anspruch an Träger, Kammern und Politik, Schutzstrukturen nicht länger als Randthema zu behandeln. In diesem Spannungsfeld wird deutlich, dass die Entscheidung für oder gegen Sichtbarkeit auf TikTok keine Geschmacksfrage ist, sondern ein Prüfstein dafür, wie ernst ein Berufsstand die eigenen Erfahrungen nimmt – und wie bereit er ist, sie so zu zeigen, dass Respekt, Würde und Professionalität erkennbar bleiben.
SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@aporisk.de
Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.
Tagesthemenüberblick: https://aporisk.de/aktuell
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